Wir sitzen an einer Geburtstagstafel, denn eine Freundin feiert ihren runden Geburtstag. Die Party findet in einem Landhaus statt, umgeben von einem idyllischen See und uralten Bäumen. Ich setze mein Gute-Laune-Gesicht auf, lache laut und spreche über die Dinge, die das normale Leben für eine ungezwungene Kommunikation erfordert. So gelingt es, die tiefsitzende Traurigkeit zu vertuschen, obwohl morgen vor zwei Jahren Jens beerdigt wurde. Doch wer weiß das schon, und wenn, würden sie die Bedeutung, die das für uns hat, nicht voll erfassen. Erst recht nicht an solch einem Tag.
Wäre es nach meinem Mann gegangen, wären wir jetzt nicht hier. Allerdings bin ich der Meinung, wir sollten uns nicht in den eigenen vier Wänden vergraben.
Lars, dem ich nur auf Feierlichkeiten der Freundin begegne, ist Naturheilpraktiker. Er sitzt neben mir und strotzt vor Optimismus. Wir reden über dies und das und plötzlich sagt er: »Es gibt keine Zufälle im Leben.«
›Wieder so ein dämlicher Spruch‹, denke ich und erwidere nichts. Er würde mir vermutlich erklären, dass alles, was uns geschieht, vorherbestimmt ist und einen tieferen Sinn hat, der sich den Menschen erst später erschließt. Vielleicht würde er noch hinzufügen, dass jegliche Existenz über ein unsichtbares Band im Kosmos miteinander verbunden ist.
Weiß er überhaupt, was uns Schlimmes zugestoßen ist? Zumindest verschweige ich es ihm jetzt erst recht, denn ich habe keine Lust, auf weiteren Schmerz, den er unbewusst mit seinen Antworten in mir aufrühren könnte. Das ist ein heikles Thema.
In einer esoterischen Schrift habe ich kürzlich gelesen: Ich solle mein schweres Schicksal nicht als etwas Negatives ansehen, sondern eher als Geschenk (genau so wurde es von Elisabeth Kübler-Ross in dem Buch »Über den Tod und das Leben danach«, Verlag »Die Silberschnur, 2015 genannt). Es sei eine Prüfung, die nicht dem Zufall entspringt. Wenn ich mich der Tragödie stellen würde, könnte ich gestärkt daraus hervorgehen.
Erheblicher Widerspruch regt sich in mir. Mein Sohn muss nicht als Opfer dargebracht werden, nur damit ich daran seelisch wachsen kann. Das ist Irrsinn. Ihre Meinung empfinde ich angesichts der Situation, der ich gegenüber stehe, als reinen Hohn, obwohl mir ihre weiteren Aussagen über das Sterben (Schmetterlingssymbolik) und ein Weiterleben nach dem Tod gefallen. Ich vermag keinen Sinn in dem brutalen Tod von Jens finden.
Unser Dasein basiert auf Zufällen. Es ereignen sich unerwartete Dinge, Begegnungen, Krankheiten, usw., die das Leben in eine unvorhergesehene Richtung lenken.
Zum Beispiel: Als ich mit dem zweiten Kind schwanger war, beschloss ich, während der Elternzeit eine Fremdsprache zu lernen. Ich wollte nebenher meinen Geist fithalten. Es war Zufall, dass ich beim Arzt im Wartezimmer in einer Zeitung blätterte und plötzlich auf die Anzeige stieß, die Interessierte für einen Japanischkurs suchte. Da diese Sprache zu den schweren zählt, war ich hellauf begeistert. Ich meldete mich für den Kurs an und hielt ihm viele Jahre die Treue. Es war vorerst nicht vorherzusehen, dass die Demonstrationen im Herbst 1989 zum Fall der Berliner Mauer führten und somit zur Einheit Deutschlands. Dadurch hatte ich die Freiheit, Kontakte zu Japanern zu knüpfen, die sich zu familiären Freundschaften entwickelten.
Jens interessierte sich für Fremdsprachen. Er ließ sich von geeigneten Stellen beraten, welche Sprachen nach einem Studienabschluss die aussichtsreichsten sein würde. Er erhielt die Antwort: »Nur eine exotische wie Japanisch.« Er wählte sie als Hauptfach für das Studium. Ich drängte ihn nicht dazu, doch mein japanisches Umfeld beeinflusste wohl seine Entscheidung. Schließlich sprach er fließend japanisch und fand in Düsseldorf, der europäischen Hauptstadt Japans, in einer japanischen Firma Arbeit und stürzte letztendlich auf einer Dienstreise mit dem Airbus ab. (Ein weiterer Zufall war, dass der Copilot ebenfalls in Düsseldorf wohnte.)
Zugespitzt schlussfolgere ich: Wäre ich nicht schwanger gewesen, hätte ich nicht jene Sprache gelernt und Jens auch nicht. Er hätte irgendeinen anderen Beruf, vielleicht in der Heimatstadt ausgeübt und wäre daher niemals auf einer Dienstreise ermordet worden. Hinzu kam, dass der Sturz des sozialistischen Systems für viele DDR-Bürger ungeahnte Freiheiten ermöglichte.
Anfangs fühlte ich mich für die losgetretene Ereigniskette, die zu seinem Tod führte, verantwortlich. Später kam ich zu der Erkenntnis, dass es sich dabei um eine Aneinanderreihung von Zufällen handelte, die durch ihr unglückliches Zusammentreffen, zu dem grausamen Sterben von Jens geführt haben. Wäre es nicht so, trüge ich große Schuld daran, dass er nicht mehr unter uns weilt.
Abstrakt kann man sich das wie folgt vorstellen: Kugeln stoßen zusammen, prallen voneinander ab und ändern ihre Richtung. Diese wiederum treffen auf andere Kugeln, die dadurch aus ihrer gewohnten Bahn geworfen werden, usw. Jeder Zusammenstoß symbolisiert eine Schnittstelle in unserer Existenz, die eine neue Entwicklung ins Rollen bringt, die kaum vorhersehbar ist. In gewisser Weise ist das mit einem Billardspiel vergleichbar. Man kann mit einer Kugel eine weitere ansteuern, sie treffen oder nur um wenige Millimeter verfehlen, was wiederum geänderte Auswirkungen auf ihr Verteilungsbild hat. Wahrscheinlichkeiten können berechnet werden, doch ob sie eintreffen, bleibt dem Zufall überlassen. Eine Weisheit sagt: »Es kommt meistens anders, als man denkt.«
Die von einigen Hinterbliebenen wie von mir geäußerten »was wäre wenn« …, »ach hätte ich nur« … »dann wäre …« sind müßig. Es gibt keine exakten Antworten, weil das Leben in unberechenbaren Bahnen verläuft.
© Brigitte Voß
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