17.06.2017, Freitag – Angehörigentreffen der Notfallseelsorge in Düsseldorf

Die Angehörigentreffen, die die Notfallseelsorger in Düsseldorf organisieren, finden immer noch Anklang. Die Teilnehmerzahl ist nicht mehr so hoch, wie sie anfangs war. Ab und zu tauchen neue Gesichter auf. Jeder ist willkommen.
Nach wie vor sitzen wir im Kreis, berichten, wie es uns geht, diskutieren aktuelle Geschehnisse, die den Flugzeugabsturz betreffen oder wir tauschen uns über das Verhalten der Mitmenschen uns gegenüber aus.
Meine Empfindungen dabei sind zwiespältig. Man wird natürlich geballt mit all dem Schweren, das unser Schicksal mit sich bringt, konfrontiert, weil man darüber intensiv diskutiert. Dadurch wird einiges, was man erfolgreich verdrängen konnte, erneut an die Oberfläche gespült. Hin und wieder geschieht das im wahrsten Sinne des Wortes mit Tränen, trotzdem setze ich mich dem freiwillig aus. Ist die Veranstaltung beendet, bin ich meist zufrieden, daran teilgenommen zu haben. In dieser Gruppe können wir über den Verlust und wie es uns damit ergeht reden, ohne auf Unverständnis zu stoßen. Jeder hat dieselbe Katastrophe erlebt und weiß, wovon der andere spricht.
Wenn man einen nahen Angehörigen verliert, fühlt man sich einsam, weil niemand der Außenstehenden einen derartigen Schmerz verstehen, geschweige denn nachempfinden kann. Mit zunehmender Zeit kristallisiert sich das deutlicher heraus. Ich erzähle gern von Jens oder den aktuelle Entwicklungen, die mit dem Flugzeugabsturz zusammenhängen. Allerdings sehe ich mich häufiger als früher einer schweigenden Wand gegenüber. Obwohl Freunde anfangs geholfen und immer ein offenes Ohr für mich hatten, wäre es ihnen jetzt offensichtlich lieber, ich würde über all das schweigen.
Hier in der Gruppe erfahre ich, dass ich damit nicht allein dastehe. Auch andere bekommen Äußerungen zu hören wie: »Es sind zwei Jahre vergangen. Nun hört doch endlich auf zu trauern.«
Ich fühle mich bestätigt und das tröstet.
Besonders schwer haben es die Hinterbliebenen, die voll im Arbeitsprozess stehen, was aufgrund der Trauersituation nicht einfach ist. Und dann glänzt der Chef noch mit herzlosen Bemerkungen: »Komm endlich mal von deiner Insel runter und igele dich nicht immer so ein.«
Wahrscheinlich müssen wir wie Automaten funktionieren, wenn wir in dieser Umwelt bestehen wollen.
Die Seelsorger hören meist zu und lassen uns über eigene Erfahrungen und Konflikte offen reden.
Durch den Austausch komme ich den anderen wieder ein Stück näher, denn die örtliche Entfernung und die Zeit bis zum folgenden Treffen trennen uns.
Die Einstellung des Verfahrens durch die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft kommt zur Sprache. Was können wir schon dagegen tun? Wir sind machtlos. Plötzlich wird der Gedanke einer Petition zur Wiederaufnahme der Ermittlungen in die Runde geworfen. Darüber wird rege diskutiert und letztendlich wird sie beschlossen. Ein Hinterbliebener erklärt sich bereit, sie zu formulieren. Wir unterstützen ihn, indem wir die Fakten sammeln, die das Schreiben enthalten soll. Es geht nicht um finanzielle Entschädigungen, wir wollen lückenlose Aufklärung. Es wird festgelegt, die nichtanwesenden Angehörigen zu informieren, damit sie ebenso ihre Vorschläge zur Petition einbringen können. Es ist ein hoffnungsvoller Versuch, doch noch eine Wendung herbeizuführen. Schließlich hat es die Mutter, die ihren Sohn an die Loveparade verlieren musste, mit ihrer Petition auch geschafft. Zum Abschluss stellen wir uns im Kreis auf. In der Mitte brennen Kerzen. Andächtige Worte und ein gemeinsames Gebet beenden das zweitägige Treffen.
© Brigitte Voß


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