18.05.2017, Freitag – Flugzeuge aus Papier

Die Enkelin kommt. Hin und wieder versuche ich mir im Vorfeld, interessante Beschäftigungen auszudenken, damit sich die Kleine bei Oma und Opa nicht langweilt. In unserer Kinderzeit liebten wir es, Flugzeuge aus Papier zu falten und sie fliegen zu lassen. Wie ging das nur? Ich habe es vergessen. Im Internet finde ich entsprechende Falttechniken und erinnere mich sogar daran.
Sassa steht vor mir. »Was wollen wir spielen?«, frage ich sie.
»Gespenst«, kam prompt die Antwort.
›Oh nein, nicht schon wieder!‹, denke ich.
Das Mädchen liebt den Grusel, aber nur mit positivem Ausgang. Entweder besiegen wir den Geist oder er wird plötzlich ganz lieb.
Manchmal stelle ich mir vor, dass Letzteres mit der gesamten Menschheit geschehen würde, indem sie sich einer Genmanipulation unterziehen müsste, in der Spezialisten sie von gewissen Gewaltgenen befreien. Ich weiß gar nicht, ob derartige Gene existieren. Ausschließlich liebe und gute Menschen würden den Planeten besiedeln, und solch schlimme Ereignisse wie der Absturz des A 320 wären dadurch unmöglich. Das Böse wäre ausgerottet. Es gäbe keine Kriege, keinen Terror, keine Morde … Jens würde sich in einer absolut friedlichen Welt seines Daseins erfreuen.
Ist die Neigung zur Gewalt angeboren, das heißt, wird sie über die Gene gesteuert? Oder entwickelt sie sich aufgrund früherer brutaler Erfahrungen und Erlebnisse des Täters? Die Wissenschaftler sollten sich sputen, das zu erforschen, denn die Achtung vor dem Leben nimmt weltweit rasant ab.
Glücklicherweise muss ich heute nicht Gespenst spielen. Ich hole Papier, und wir beginnen, ein Flugzeug zu falten. Sassa ist mit voller Konzentration dabei. Den komplizierteren Teil übernehme ich. Unter meinen Händen entsteht ein Flugzeug. Den verstärkt aufkommenden Gedanken an Jens kann ich nicht verdrängen.
Stolz betrachten wir unser Werk. Ich stoße es in die Luft. Es schwebt majestätisch durch die geöffnete Tür und prallt an den Spiegelschrank, der auf dem Korridor steht. Sie ist begeistert. Wir falten noch mehr Flugzeuge und sie düsen kreuzweise im Zimmer hin und her. Der Opa spielt mit.
Es kommt, was kommen muss: »Flugzeugabsturz«, ruft Sassa temperamentvoll und stürmt durch die Wohnung, wenn der Flieger sich mit der Spitze in den Teppich bohrt.
Das Wort »Flugzeugabsturz« erzeugt in mir nach wie vor ein flaues Gefühl. Ich täusche Lustigkeit vor. Als ob sie etwas gemerkt hat, beginnt sie vom Onkel Jens zu sprechen und fragt unvermittelt: »Ist er beim Flugzeugabsturz kaputt gegangen?«
Mir entfährt ein wahrheitsgemäßes »Ja«.
Erschrocken schaut sie mich an. Und ich bin total verunsichert, ob das eine gute Antwort war. Wie soll ihre kleine Seele das verarbeiten?!
Rasch rede ich weiter: »Wenn du eine Tasse fallen lässt, zerbricht sie auch.«
Sie nickt verständnisvoll.
Manchmal spricht sie über den Tod und stellt Fragen. Er beschäftigt sie. Mittlerweile sagen wir, dass Jens im Himmel ist, denn offensichtlich braucht sie die Vorstellung eines Ortes, wo er sein könnte. In ihrer Kleinkinderwelt muss er doch irgendwo sein, trotzdem sie weiß, er kommt nicht wieder. Alles andere übersteigt ihre Vorstellungskraft. Diese Endgültigkeit des Todes ist für eine vierjährige schwer zu verstehen.
»Vielleicht lässt der Onkel Jens ein Bein aus dem Himmel hängen und guckt uns zu.« Sie lacht. Mich trösten derartige Aussagen.
Normalerweise rede ich mit ihr bereitwillig über den Tod, vorausgesetzt sie wünscht es. So setzt sie sich damit auseinander, ob Kinder ebenfalls sterben können, oder sie stellt unverblümt fest: »Wenn ihr tot seid, nehme ich eure Wohnung.« Die Offenheit erheitert.
Bisher wusste ich stets angemessen auf ihre Bemerkungen zu reagieren, obwohl es nicht immer einfach ist. Aber die soeben gestellte Frage hat mich verwirrt. Jens ist nicht friedlich eingeschlafen wie ein alter Mensch, der sein Leben gelebt hat und an dessen Ende der Tod steht. Wäre es so, würde ich ihr mit Sicherheit bessere Erklärungen geben können. Doch manchmal weiß ich nicht, wie man angesichts der Gewalt, der Jens ausgesetzt war, richtig reagiert, um in ihrer Kinderseele keinen Schaden anzurichten.
© Brigitte Voß


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