Ich schreibe viel an meinem Blog, was dazu führt, dass das N auf demLaptop seinen Geist aufgibt und kurzerhand abbricht. Ohne diesen Buchstaben ist kein Text möglich. Daher bringe ich ihn in eine Werkstatt. Der Fachmann erklärt, dass er eine neue Tastatur bestellen muss, denn die einzelne Taste sei unwiederbringlich dahin.
Das bedeutet eine gewisse Schreibabstinenz. Ein schrecklicher Zustand. Ich fühle mich leer und nutzlos. Ich gebe zu, die Schreiberei trägt leicht manische Züge und verursacht manchen Albtraum, da die Beschäftigung mit der Vergangenheit erneut aufwühlt. Doch ändern kann und will ich daran nichts. Die Auseinandersetzung mit dem Sterben von Jens sowie dessen Ursachen und Folgen ist intensiv. Zuweilen verselbständigt sich das Klappern auf den Tasten und bringt Unerwartetes zutage. Oft entstehen dabei die Beiträge, die selbst mir gefallen.
Ich werde gelesen, das freut und motiviert zusätzlich.
Ich kämpfe gegen den Mantel des Vergessens an, der ein einfaches Spiel hat, weil zuviel Fürchterliches auf dieser Welt passiert. Daher überraschen die tröstenden Worte wildfremder Menschen als Reaktion auf das Geschriebene oder anlässlich des jährlichen Gedenkens an den Absturz immer noch. Zu Beginn meines Schreibens nahm ich die fremde Anteilnahme verwundert wahr, doch jetzt studiere ich sie aufmerksam. Sie geben mir Trost und Kraft, auch wenn sie von Unbekannten stammen. Ich bin dafür dankbar. Die virtuelle Empathie in der Trauer sollte man nicht unterschätzen. Abgesehen von den Blogs existieren soziale Netzwerke, in denen sich beispielsweise verwaiste Eltern austauschen, endlich frei reden können, ohne den Gesprächspartner damit unangenehm zu berühren. Digitale Kondolenzbücher, wie sie zum Beispiel nach der Germanwings-Katastrophe entstanden sind, lassen die Bevölkerung Anteil nehmen. Auf Gedenkseiten, die Hinterbliebene für ihre Verstorbenen gestalten, zünden Leser digitale Kerzen an oder hinterlassen Kommentare. Trauersprüche und Bildchen finden im Netz Verbreitung. Das Internet garantiert Nachhaltigkeit und Reichweite. Ich hoffe, dass sich darin meine noch nicht vorhandenen Urenkel über ihren Großonkel Jens und den verheerenden Flugzeugabsturz interessieren.
Im wahren Leben ist, zumindest in unserer Kultur, der Tod ein Tabuthema. Nicht so im World Wide Web. Das kann Hilfe für den Trauernden bedeuten. Er findet Ansprechpartner, Rat und weiterführende Hinweise. Natürlich ist wichtig zu wissen, wem man sich anvertraut. Außerdem könnten angebotene Gedenkseiten wegen plötzlicher Unwirtschaftlichkeit vom Betreiber geschlossen werden. Was ist dann?
Es gibt Todkranke, die auf den verschiedensten Plattformen über ihr Sterben berichten. Sie erzählen, wie sie angesichts des nahenden Endes über das Leben denken. Das macht nachdenklich. Sie lassen die Mitmenschen am eigenen Tod teilnehmen. Für den ein oder anderen mag das gewöhnungsbedürftig sein. Ihnen aber ist bewusst, dass sie dadurch nach dem Tod in gewisser Weise weiterleben.
Leider hat das Internet auch seine schlechten Seiten. Wir werden ausspioniert, Personen werden gemobbt, zum Selbstmord getrieben, es entstehen Shitstorms oder Ähnliches.
Eine Freundin warnt mich seit der Pressekonferenz der Familie Lubitz vom 24. März. Sie hatte sie verfolgt und weiß, dass ich über den Tod von Jens und über die Katastrophe blogge. Sie vertritt die Meinung: »Die Menschen reagieren sofort hitzig, wenn es um den Copiloten und dessen Eltern geht, und das ist nicht immer positiv. Pass nur auf, dass du nicht eins auf die Schädeldecke bekommst!«
Zunächst dachte ich, sie würde sich zu viele Krimis anschauen und lachte.
Alsbald erhielt ich merkwürdige Telefonate, deren Absender unterdrückt wurde. Stets hob ich ab, stellte jedoch fest, dass sich am anderen Ende der Leitung eine Person befand, die nach meinem mehrfachen »Hallo, ist da jemand?« nicht antwortete.
Ich brauchte nur darauf zu warten. Jedes Mal, wenn ich in den »Seelenrissen« etwas über den Copiloten veröffentlicht hatte, summte kurze Zeit später das Handy.
Vor einigen Tagen brummte es erneut. Die Telefonnummer war unterdrückt, aber ich erkannte an dem untypischen Text auf dem Screen des Handys, dass es sich um bewussten Anruf handeln musste. Mit zitternder Hand nahm ich wie immer das Gespräch an.
»Hallo?«
Schweigen. Wie ich es erwartet hatte.
Gerade wollte ich auflegen, da kam es: »Höre ja auf, den Blog zu schreiben, du blöde Kuh!«. Die Stimme war äußerst hasserfüllt. Bisher bin ich niemals so feindselig beschimpft worden. Schnell legte die Anonyme auf.
Ich erschrak und unternahm alles, diese Nummer zu sperren.
Trotzdem lasse ich mich nicht einschüchtern und blogge weiterhin über Themen, die mit dem Tod von Jens zusammenhängen, auch wenn jemand versucht, mir durch Drohnungen Angst einzujagen. Anderenfalls wäre unser Sohn sehr enttäuscht von mir. Das ist meine tiefste Überzeugung.
© Brigitte Voß
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