Seit der Katastrophe nehme ich einen sensibleren Anteil am Schicksal der Opfer von Gewaltverbrechen und deren Hinterbliebenen. Aus eigener Erfahrung kann ich mich besser in sie hineinverdenken und verstehen, wie sich der Betroffene fühlt. Daher begrüße ich die Mitteilung in den Nachrichten, dass es im Fall der Loveparade doch noch zu einem gerichtlichen Verfahren kommen soll. Ich freue mich umso mehr, da ich vor ungefähr einem Jahr die Petition einer Mutter an das Oberlandesgericht Düsseldorf unterschrieb, die ihren einzigen Sohn während der chaotisch organisierten Veranstaltung verloren hatte (siehe Blogbeitrag »15.04.2016, Freitag – Germanwings und Loveparade«). Sie forderte darin, den Prozess wieder aufzurollen. Im Frühjahr 2016 wurde die Anklage nach zweijähriger Prüfzeit vom Duisburger Landgericht abgewiesen, weil nach Meinung der Juristen ein zentrales Gutachten erhebliche Mängel aufwies und daher nicht zu verwerten sei.
Seit sieben Jahren warten die Hinterbliebenen und die Überlebenden der Loveparade, dass die Frage der Schuld aufgearbeitet wird. Trotz der Freude über das Erreichte, hat das nun doch stattfindende Gerichtsverfahren eine herbe Seite, da die Hauptverantwortlichen für das Loveparade-Disaster nicht auf die Anklagebank gelangen sollen. Derartige Vorgänge erschüttern den Glauben an den vielgepriesenen deutschen Rechtsstaat.
Parallelen zum Germanwings-Absturz zwingen sich mir geradezu auf. Der Düsseldorfer Staatsanwalt Herr Kumpa hat Anfang des Jahres die Untersuchungen eingestellt, obwohl offenkundig nur oberflächlich ermittelt wurde. Die Justiz hat versagt. Man munkelt, dass dies auf höherer Anweisung geschehen sei, und spricht von einem Politikum. Geld, Macht und Ansehen sind in dem bösen Spiel nicht zu unterschätzen. Und wir sind mittendrin und müssen aufpassen, nicht zerquetscht zu werden.
Ich weiß nicht, warum ich es verdächtig finde, dass die Bundeskanzlerin sofort nach der Pressekonferenz der Familie Lubitz die Behörden, die den Absturz des A 320 untersucht haben, in Schutz genommen hat. Wieso mischt sie sich so schnell ein?
Natürlich ist bekannt, dass Wirtschaft und Politik miteinander verflochten sind, wie beispielsweise der Abgasskandal in der Autoindustrie beweist. Einer stützt den anderen, die Politik die Wirtschaft, ohne deren Geld sie wohl kaum existieren kann, und die Wirtschaft braucht die Politik, die ihr gewisse Hilfestellungen gibt, damit sie sich entfalten kann. Im Abgasskandal hat die Bundesregierung weggesehen, sie war, warum auch immer, an den Ursachen für die überhöhten Werte im Straßenverkehr nicht interessiert, und nach Bekanntwerden des Skandals trifft dies ebenso für die Aufklärung und die daraus zu ziehenden Konsequenzen zu.
Jedoch die Geschehnisse um die Germanwingskatastrophe werden offensichtlich genauestens beobachtet, um eventuelle Klagen gegen Lufthansa zu verhindern. Denn die gerichtlichen Möglichkeiten sind für uns noch nicht ausgeschöpft. Allerdings ahne ich, dass wir einen steinigen Weg zu gehen haben, dessen Ende in weiter Ferne liegt. Er wird uns viel Geduld, einen unbeugsamen Willen und starke Nerven abfordern. Die Suche nach der Realität wird immer wieder neue Wunden aufreißen. Doch was musste Jens erleiden?
Ich hoffe auf die Offenlegung sämtlicher Umstände und Verantwortlichkeiten, die zu dieser Katastrophe geführt haben, genau wie die Angehörigen der Toten und die Überlebenden der Loveparade vom 24. Juli 2010 es in ihrem Fall anstreben.
Wie sonst soll angesichts des Todes von Jens mein Leben weitergehen? Mord als Kavaliersdelikt?
© Brigitte Voß
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