Die Turbulenzen rund um das Jahresgedenken hängen mir noch an. Sie türmen sich zu einem Chaos aus wiederkehrenden Gedanken, das mich zu überfordern droht. Nachts laufe ich durch die Zimmer oder stehe auf dem Balkon und starre in die Dunkelheit hinaus. Die kühle Luft beruhigt die Atmung. Allmählich beginne ich aus dem Bewusstsein heraus, dass die meisten Menschen in tiefen Schlaf versunken sind, positive Momente zu ziehen. Es ist finster, der Mond leuchtet fahl, kein Nachbar ruft oder macht Geräusche, es passiert einfach gar nichts. Mittlerweile liebe ich diesen Zustand der Ereignislosigkeit. Allerdings rächt sich die zunehmende Schlaflosigkeit in den folgenden Tagen. Die simpelsten Verrichtungen fallen schwer, egal, ob es sich um die Beschriftung eines Briefumschlages handelt oder um die Einhaltung eines Termins.
Immerhin sind wir zu zweit und können uns zuweilen motivieren, ins Fitnessstudio zu gehen. Nur sollte man mich dort besser in Ruhe lassen, doch die Trainer wissen das nicht. Sie versuchen, die Haltung am Gerät zu verbessern. Die hinweisende Frage »Atmen Sie noch?« beantworte ich mit einem knappen »Wozu?«, wobei ich für mich behalte, dass Jens auch nicht mehr atmet.
Der Mitarbeiter stutzt und fährt mit seinen Verbesserungsvorschlägen fort.
»Ich habe das Gefühl, sie hören mir überhaupt nicht zu«, beklagt er sich.
Das ist nur ein belangloses Beispiel meiner gestörten Kommunikation mit Außenstehenden.
Ich sage Termine und Treffen ab.
Immerhin suchen mein Mann und ich Ablenkung außer Haus. Wohl unbewusst finden wir uns an Orten wieder, die Jens liebte. Wir speisen beim Griechen und sind traurig, weil die lustigen Abende, die wir hier mit den Kindern verbrachten, für immer vorbei sind.
Die Natur soll uns aufmuntern, doch bestimmte Bäume und Plätze wecken Erinnerungen und machen mich, jetzt nach dem zweiten Jahresgedenken, schwermütiger denn je. Die Wege, die wir laufen, liefen wir auch mit Jens. Die Badeseen, die wir umrunden, durchschwamm er mit seinem Bruder. An deren Sandstränden spielten sie als Kinder gemeinsam. Später erkundeten sie mit den Rädern die Wälder, durch die wir wandern.
Feuern wir beim Triathlon oder Marathon Thomas in der Fankurve an, macht mich die Atmosphäre fertig. Jens hat sie geliebt. Beide waren faire Konkurrenten, sie lächelten sich aufmunternd zu, kamen sie sich auf der Strecke entgegen. Einmal rannten sie sogar zusammen durchs Ziel.
Erinnerungen laugen aus. Eltern verwinden den Verlust ihres Kindes niemals. Warum müssen gerade wir das erleben?
Wie so oft stehen wir an seinem Grab, zupfen Unkraut, zünden eine Kerze an und entfernen sämtliche Beigaben, da wir den Grabstein reklamieren mussten und nicht möchten, dass diese beim Nachbessern der Inschrift beschädigt werden. Ihr Lack bröckelt ab. Wir ärgern uns über die mangelhafte Arbeit. Im Büro für Grabmale versprach die Angestellte, einen Mitarbeiter auf den Friedhof zu schicken, der das begutachten soll.
Als wir uns von Jens verabschieden, um zu gehen, sehen wir in der Nähe zwei Personen, die in Arbeitskleidung durch die Grabreihen laufen, hin und wieder verharren sie, um aufmerksam die Steine betrachten.
»Die suchen bestimmt den Grabstein von Jens«, murmelt mein Mann vor sich hin.
Wir sprechen sie an. Der Verdacht bestätigt sich. Der Zufall kommt uns zugute, da wir den erneut angestauten Frust loswerden können. Die Reklamation liegt bereits einige Tage zurück.
Was wir allerdings erfahren, stimmt trotz Traurigkeit zornig. Sie beschuldigen die Angestellten des Kundenbüros, den Hinterbliebenen das Geld bewusst durch falsche Beratung aus der Tasche zu ziehen. Ihnen sei vollkommen klar, dass die gewählte Steinart die Feuchtigkeit anzieht und dadurch der Lack nur eine geringe Haftung finden kann. Immer wieder würden sie darauf hinweisen, doch leider vergebens. Es sei sicher, dass wir an einer Nachbesserung nur kurze Zeit Freude hätten.
Die Auskunft entsetzt mich. Die Schriftzüge sind gerade mal 1½ Jahre alt.
Alternativen, die uns die Mitarbeiter nennen, sind teuer und fallen wohl nicht unter die Garantie, die wir auf den Grabstein haben.
Wir beschließen, zunächst einmal nachlackieren zu lassen, um Zeit für eine Beratung bei einem anderen Steinmetz zu gewinnen.
Warum wird Jens nicht in Ruhe gelassen, nach dem Schlimmen, was er erleiden musste? Ich möchte, dass er es schön hat, wo immer das auch ist. Dazu gehört natürlich, dass mit seinem Grab alles in Ordnung ist. Ich könnte heulen.
© Brigitte Voß
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