Gestern wanderten Heide, Manfred und wir vom Col de Mariaud Richtung Absturzstelle. Wir wollten unseren Söhnen nahe sein. Allerdings stoppten wir brav wegen des einsetzenden, heftigen Regens vor dem Metallzaun, der das offiziell zugängliche Gebiet von der Katastrophenregion abgrenzt. Außerdem fühlten wir uns von den Streckenposten beobachtet, die anlässlich des Jahresgedenkens im Einsatz waren, obwohl sie nur über uns vier Personen wachen mussten.
Der Wind fegte die Nässe ins Gesicht. Die Kälte kroch unter die Kleidung, meine Hände wurden taub.
Manfred sagt in solchen Situationen gern: »Was machen das eigene Unwohlsein, die Kälte, das Frieren und die starken Regengüsse? Wenn ich daran denke, was unsere Lieben alles erleiden mussten!«
Als wir völlig durchnässt zurückkamen, forderten uns die Betreuer auf, im geheizten Zelt Platz zu nehmen und uns vom Buffet zu bedienen. Heiße Getränke erwärmten uns. Wir sind froh über diese Aufmerksamkeit, aber auch, dass wir noch einmal in den Bergen sein konnten, um unsere Kinder zu grüßen.
Die Organisatoren hatten mit bedeutend mehr Besuchern gerechnet, doch das Wetter machte einen Strich durch die Rechnung. Ursprünglich war geplant, den Familien die Möglichkeit zu geben, ein zweites Mal Le Vernet aufzusuchen, um ohne Zeitdruck die Stellen zu den Aussichten auf den Absturzort zu erwandern oder weitere Orte des Gedenkens aufzusuchen. Die miserable Wetterlage hatte sie letztendlich abgeschreckt.
Um so erfreuter waren wir, dass Heide und Manfred trotzdem erschienen sind. Sie entstiegen einem ansonsten leeren Bus, der sie vom Hotel in Aix zu uns ins Gebirge brachte. Eine der sie begleitenden Betreuerinnen kannten wir bereits. Sie hatte sich Ende 2015 um uns gekümmert. Damals zeigte sie ein Foto von einem Hund, der vor der Stele lag und meinte dazu: »Tiere spüren viel.« Nun stellte sich heraus, dass er einer der beiden Hunde ist, der uns oft mit seinem Kumpel durch das Dorf begleitet.
Durch die Fensterscheiben sahen wir, wie sich die Nässe, die vom Himmel strömte, in riesige Schneeflocken verwandelte. Der Niederschlag verstärkte sich im Sekundentakt. Schließlich verabschiedeten wir uns und stapften durch die mittlerweile beachtlich angewachsene Schneedecke zurück in die Ferienwohnung. Vor den Augen türmte sich eine helle Wand, so dicht wehten die Flocken vor dem Gesicht.
Der Schnee verschüttete über Nacht das Bergdorf.
Der heutige Tag verspricht besser zu werden. Friedlich glitzert die weiße Berglandschaft in der aufgehenden Sonne. Allerdings streikt der Strom. Wir haben uns zu gedulden, da der Schaden nicht nur das Gebäude betrifft, sondern ganze Ortsteile.
Der Mietwagen ist in einem Schneehaufen verschwunden. Wir wissen nicht einmal, ob sich im Handschuhfach ein Eiskratzer befindet. Und womit sollen wir das Auto aus der weißen Masse buddeln? Wir werden den Hausherrn um Hilfe bitten müssen. Er räumt gerade mit einer Schneefräse den Zugangsweg, der mit erheblichem Gefälle auf die Dorfstraße führt.
Wir sind erleichtert, dass Heide und Manfred mit einem Taxi gut in ihrem Hotel angekommen sind, denn einige Fahrzeuge sollen im Graben gelandet sein.
Hätte es am 24. März in Le Vernet so geschneit wie seit dem gestrigen Nachmittag, wäre es ein Problem gewesen, hunderte von Angehörigen mit den Bussen die kurvenreiche Strecke über den Pass zurück in die Hotels zu bringen. Zumindest äußerte dies einer der Organisatoren.
Das Wetter in der Region ist schwer kalkulierbar. Gestern noch tobte der weiße Niederschlag und heute, am letzten Tag des Aufenthalts, sonnt sich ein Rotkehlchen auf dem Balkon der Ferienwohnung.
Nachdem wir die Koffer gepackt haben, entdecken wir, dass der Vermieter unseren Mietwagen von den Schneemassen befreit hat, einfach so. Wir bedanken und verabschieden uns von dem freundlichen Paar.
Bevor wir abfahren, stapfen wir zur Stele, wo die Abbauarbeiten der Zelte und des Denkmals begonnen haben. Die Kugel wird in Segmente zerlegt, um sie mit einem Sattelschlepper in einen benachbarten Ort zur Zwischenlagerung zu transportieren. Sobald es die Witterung zulässt, wird sie an der Absturzstelle wieder zusammengesetzt.
Tauwetter setzt ein. Die schmelzende Schneepracht tropft von Dächern und Zweigen. Die Zeichen stehen günstig, dass wir wohlbehalten am Flugplatz in Marseille ankommen werden.
Ein letzter Besuch auf dem Friedhof, ein letztes Anzünden von Kerzen, ein leises »Tschüss« an Jens, und wir fahren Richtung Süden. Je weiter wir uns von Le Vernet entfernen, zieht sich der Schnee zurück, werden die Knospen an den Bäumen und Sträuchern praller, bis sie sich zu voller Schönheit entfalten. In Marseille blüht der Frühling.
© Brigitte Voß
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