24.03.2017, Freitag – Tag der Verzweiflung (zweites Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 8)

Vor der Stele zeigt sich uns die enthüllte »Goldene Sonnenkugel« auf einem kleinen Podest. Wir erblicken sie zum ersten Mal im Original. Der Entwurf und die Erklärungen ihres Schöpfers Jürgen Batscheider, ein Maler und Bildhauer aus Bayern, sind uns bekannt. Er steht stolz daneben und betrachtet sein Werk. Den endgültigen Standort wird es an der Absturzstelle finden.
Die Meinungen der Angehörigen über die Gedenkskulptur weichen extrem voneinander ab. Sie reichen von absoluter Begeisterung bis hin zur schroffen Ablehnung.Wir sind nach wie vor überzeugt, dass die Gegend, in der Jens sterben musste, der Natur überlassen bleiben sollte, ungestört von solch einem Monument. Wenn es wenigstens aus Naturmaterial bestehen würde.
Immerhin mögen wir die Idee mit den individuellen Holzkugeln, die wir mit Erinnerungsstücken an unsere Verstorbenen befüllen können, bevor sie in einem kristallförmigen Behälter aus nahezu unvergänglichem Edelstahl in der »Goldenen Kugel« Platz finden. Das erinnert an die Ewigkeit. Wir möchten, dass Jens und mit ihm der bewusst herbeigeführte Flugzeugabsturz nicht im Strudel der Vergangenheit verschwinden. Deshalb gehen wir einen Kompromiss ein und schließen uns dem an.
Wir betreten das Zelt, in dem wir die Kugel in Empfang nehmen, die für Jens bestimmt ist. Sie besteht aus Zedernholz, wie es der keltische Baumkalender nach seinem Geburtsdatum anzeigt. Wir sind damit einverstanden, hätten allerdings auch eine andere Holzart wählen können.
Die handgedrechselte Kugel fühlt sich glatt und gut an. Mit zittrigen Fingern umfasse ich sie. Wir werden in einen abgetrennten Raum geführt, in dessen Mitte ein Tisch steht. Dort setze ich sie auf den dafür vorgesehenen Ring. Hinter mir zieht jemand den Vorhang zu. Mein Mann trennt die hölzernen Hälften voneinander. Bedächtig breitet er die Dinge, die die Familie ausgesucht hat, auf der weißen Tischdecke aus. Wir füllen sie in ein Stoffsäckchen, das wir im Vorfeld erhalten haben, und legen es in die Halbkugel. Mögen sie der ewigen Erinnerung an Jens dienen.
Die Zeltbahnen, die uns umgeben, werden von einem gedämpften Licht erhellt. In der Ecke grünt eine Pflanze. Für Taschentücher ist auch gesorgt. Ich hatte nicht erwartet, dass wir in solch würdiger Atmosphäre die Kugel befüllen können und bin froh darüber. Wie in Zeitlupe verschließt sie mein Mann mit der dazugehörigen Hälfte. Ob Jens den liebgemeinten Gruß in der fremden Welt empfängt?
Ich trage sie hinaus und stelle sie auf eine Palette. Wenn keine weiteren Kugeln auf ihr Platz finden, wird sie über die bereits aufgefüllten Etagen befestigt. Später werden sie in den stählernen Behälter gefüllt, der wiederum mithilfe eines Krans in die »Goldene Kugel« befördert werden soll.
Draußen ist es kalt geworden. Die Sonne geht bald unter. Der letzte Bus fährt die Angehörigen in die Hotels nach Aix-en-Provence zurück.
In der Ferienwohnung legt mein Mann Holzscheite in den Kaminofen. Wir sind vollkommen erschöpft. Es dauert eine Weile, bis die Flammen hinter der Glasscheibe höher züngeln. Eine behagliche Wärme breitet sich im Zimmer aus.
© Brigitte Voß


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