So vergehen markante Momente des Lebens. Die Trauerfeier ist vorbei und wir fahren mit dem Mietwagen zurück nach Le Vernet. Vorerst möchten wir in der Ferienwohnung etwas Ruhe finden.
Am Ortseingang stoppt uns die Gendarmerie. Ich reiße mich zusammen, um auf Französisch zu erklären, dass wir in unsere Unterkunft wollen. Ich schiebe den Ärmel hoch, um das graue Identifikationsband zu zeigen. Mein Mann tut es mir gleich. Wir können die Fahrt fortsetzen, kommen aber nur wenige Meter voran. Uniformierte hindern uns erneut an der Durchfahrt. Wir ahnen den Grund. Die offizielle Kranzniederlegung. Ich verdeutliche zusätzlich auf Englisch, dass wir den Friedhof nicht passieren, um in das Quartier zu gelangen. Während wir diskutieren, schaue ich gebannt auf die Waffen, die sie vor sich tragen. Obwohl sie höflich auftreten, rattern durch meinen Kopf Bilder hemmungsloser Schießereien. Die Welt ist voller Gewalt. Vertreter der Politik und der Wirtschaft werden geschützt.
Wir müssen das Fahrzeug abstellen, dürfen jedoch zu Fuß weiter, was zumutbar ist.
Vom Balkon der Ferienwohnung können wir die Kranzniederlegung beobachten. Repräsentanten der Region sowie von Lufthansa, unter ihnen Herr Spohr, legen Blumengebinde auf das Grab. Hinter der Friedhofsmauer stehen auf Podesten Fotografen mit gezückten Kameras.
Wir beschließen, zur Stele zu gehen, wo die Angehörigen sich versammeln. Die Einweihung der »Sonnekugel« ist bereits in vollem Gang.
Wir sind nicht interessiert und wenden uns lieber dem Buffet zu. Wir sind nicht die Einzigen, die es bevorzugen.
Die Zeremonie ist beendet, und Herr Spohr betritt in Begleitung eines Japaners das Zelt. Er begrüßt die japanischen Familien der beiden Opfer, eines davon war ein Kollege von Jens.
Mir ist unwohl. Ich überlege, wie ich reagiere, käme der Vorstandsvorsitzende der Fluggesellschaft an unseren Tisch. Die Gedanken sind zwiespältig. Einerseits sind ihre Betreuer ehrlich bemüht, uns gefühlvoll beiseitezustehen und alle Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Auch die Mitarbeiter des Lufthansabüros in Le Vernet helfen uns sofort, brauchen wir Unterstützung. Andererseits, weiß ich nicht, was sich in den Chefetagen und weit darüber hinaus abspielt, geht es um die Aufklärung, wieso solch ein desolater Typ wie der Copilot Passagierflugzeuge fliegen durfte.
Wir verlassen das Zelt, um zum Friedhof zu gehen. Auf dem Grab liegen Blumengebinde der offiziellen Vertreter.
Wir zünden eine Kerze für Jens an. Familien legen Blumen ab. Neue Lichter tauchen auf, um für die Toten zu leuchten.
Zurück zur Stele. Man kennt sich und umarmt sich. Auch wir treffen auf bekannte Gesichter. Grüppchen stehen herum oder sitzen im Aufenthaltszelt und unterhalten sich. Frühere Betreuer sprechen uns an.
Im Gedenkraum ist es voll. Wir werden ihn am Abend aufsuchen, wenn wir wieder allein sind.
Teilweise wird heftig über die heutige Pressekonferenz des Vaters und des hinzugezogenen Gutachters Tim van Beveren diskutiert, andere mögen angesichts des Gedenktages nicht darüber reden. Das Thema stört die Trauer. Eine Ausländerin, die seit dem Flugzeugabsturz ohne ihren Mann weiterleben muss, erfährt erst jetzt davon. »What?« »Why?« Sie schüttelt fassungslos den Kopf und weint.
© Brigitte Voß
(Fortsetzung folgt)
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