24.03.2017, Freitag – Tag der Verzweiflung (zweites Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 6)

Ein denkwürdiger, grauer Tag beginnt, obwohl die Sonne die gegenüberliegenden Berge in ein helles Morgenlicht taucht.
Mein Mann sitzt am Steuer. Mit trübseligen Gedanken rauscht die Fahrt nach Digne-les-Bains, wo die Gedenkfeier stattfinden wird, an mir vorbei. Ich bewundere ihn, wie er trotz des Kummers gekonnt die Serpentinen zum Col de Labouret erst hinauf und anschließend bergab lenkt. Egal was passierte, ich konnte bisher in jeder Situation ein Fahrzeug lenken. Die Konzentration beim Autofahren bannte sie alle, die physischen und psychischen Schmerzen. Allerdings gegen das, was sich derzeit in meiner Seele abspielt, unterliegt sie. Ich würde uns wohl in den Abgrund stürzen.
Wider Erwarten entdecken wir in der Nähe der Kathedrale du Bourg freie Plätze. Auch Pressevertreter sind bereits hier, wie Aufschriften an den Wagentüren beweisen.
Sicherheitskräfte bewachen den Dom mit vorgehaltenen Gewehren.
Meine Beine sind schwer wie Blei, jeder Schritt ist mühsam.
Am Eingang zeigen wir die grauen Bändchen, die mit Identifikationsnummern versehen sind, vor. Sie umspannen wie ein Trauerflor das Handgelenk. Vertreter vom Carecenter Germanwings kommen auf uns zu und begrüßen uns freundlich.
Wir müssen nicht lange warten bis die Busse mit den Familien aus den Hotels in Aix-en-Provence eintreffen.
Wir gehen auf uns bekannte Angehörige zu, die Umarmungen sind innig. Gemeinsam betreten wir die noch ungefüllte Kathedrale und finden in der vordersten Reihe Platz. Zunehmend füllt sich das Gotteshaus.Die Veranstaltung beginnt. Dolmetscher übersetzen simultan ins Spanische, Katalanische, Englische und Französische. Der Chor aus Seyne-les-Alpes »Le Chœr de la Blanche« sang bereits zum ersten Jahresgedenken, das damals in Le Vernet stattfand. Geistliche Würdenträger sowohl der katholischen als auch der evangelischen Kirche richten Grußworte und Gebete an uns. Sie stehen vorn und blicken in ernste oder weinende Gesichter.Auf dem Schoß der Mutter neben mir liegt das Foto ihrer toten Tochter. Ihre Hände formen einen Wall um das Bild, so als wolle sie ihr Kind beschützen. Sie wischt sich mit einem Tuch die Tränen aus den Augenwinkeln.
Die Gedenkminute naht. Wir erheben uns von den Plätzen. 10.41 Uhr. Ein Gong schmerzt durch meinen Körper hindurch. In diesen Sekunden, an diesem Ort, ist es das schrecklichste Geräusch der Welt. Das Flugzeug prallt gegen den Felsen. Jens stirbt und mir geht das Wort »pulverisiert« durch den Kopf. Die vielen Leben erloschen gleichzeitig.
Die Knie zittern. Ich bin froh, dass wir uns setzen. Vernehme ich Kirchenglocken und Musik? Nicht wichtig, da gleich die Namen der Opfer vorgelesen werden. Sie sollen auch in der fernen Zukunft noch benannt werden. Meine chaotischen Gefühle bei der Namenslesung sind unwichtig angesichts des Grauens, das unser Kind in dem Todesflieger erleiden musste.
Aufmerksam betrachte ich die drei Herren im schwarzen Anzug, die vor den Mikrofonen stehen. Was für eine gewaltige Aufgabe! Jeder Name gehört zu einem Menschen, der nicht vorhatte, in dem Flugzeug zu sterben.
Ein paradoxer Gedanke blitzt auf: Wenn sie Jens vergessen würden, wäre alles nur ein Irrtum. Er würde leben und wiederkommen … »Jens Voß.« Laut und deutlich ist es zu hören. Ich spüre das sanfte Zusammenzucken meines Mannes. Ich blinzele durch einen Tränenschleier zu ihm herüber. Unbarmherzig folgt Name auf Name. Hinter jedem steht eine Geschichte, und manche habe ich mittlerweile kennengelernt.
Geistliche Musik- und Wortbeiträge folgen.
Eine junge Frau betritt die Bühne. Ihr Bruder, einer der beiden iranischen Sportreporter, saß mit dem Kollegen im Airbus. Sie berichtet mit ergreifenden Worten von ihrer Trauer und wie sie die Erinnerung an ihn in den Alltag integriert. Sie wird von einem Angehörigen abgelöst, dessen Sohn sterben musste. Seitdem kümmert er sich um die verwaisten Enkel. Sie geben ihm die Kraft, die er für das Leben nach der Katastrophe so dringend braucht. Er spricht von Zukunft und von Hoffnung.
Der Abschlusssong »The Family Tree« wird von einem Sängerpaar vorgetragen. Er ist bekannt durch die amerikanische Rockband Venice.
Die Trauerfeier ist beendet. Wir begeben uns Richtung Ausgang. Ich nehme die Umgebung kaum war. Die warmherzige Umarmung einer Mutter, die ihre einzige Tochter verlor, holt mich in die Wirklichkeit zurück. Wir halten uns ganz fest und hängen in unserem Kummer aneinander.
Die Familien verlassen die Kathedrale. Es ist ungewöhnlich still.
Die Busse fahren vor, um die Menschen nach Le Vernet zu bringen.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)


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Ein Gedanke zu “24.03.2017, Freitag – Tag der Verzweiflung (zweites Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 6)”

  1. Hallo Frau Voß,
    seit dem 24.3.2015, verfolge ich sämtliche Beiträge und Dokomentationen über den Flugzeugabsturz. Ich stieß auf Ihren Blog und lese seitdem jeden Ihrer Einträge.
    Lange hab ich überlegt, ob ich Ihnen überhaupt schreiben darf, da ich nur eine aussenstehende Person bin, und ich nicht weiss, ob Ihnen das überhaupt Recht ist? Trotzdem möchte ich Ihnen und Ihrer Familie,
    auch nach fast 3 Jahren, meine aufrichtige Anteilnahme zum Verlust Ihres Sohnes aussprechen.
    Ich möchte mir nicht im geringsten vorstellen, was Sie und Ihre Familie durchmachen mussten, und immer noch müssen.
    Unvorstellbar!
    Durch Ihren Blog kann man ein wenig erahnen, wie viel Kraft man nach solch einem furchbaren Erlebnis aufbringen musste, bzw immer noch muss.
    Die Petition habe ich unterschrieben. Wie kann man die Angehörigen auf so viele offene Fragen so lange im Unklaren lassen?
    Schlimm finde ich auch, wie wenig Anteilnahme den Angehörigen, von Lufthansa entgegengebracht wurde.
    Ganz besoders schlimm fand ich Ihren Eintrag zu den Überführungsdokumenten. Wie grausam kann man sein, den Angehörigen mitzuteilen, was und wieviel von Ihren Lieben zurück gekommen ist?? Einfach nur grausam!
    Ich bete jeden Tag , dass sich so eine grausame Tat wie vom 24.3.2015 nie mehr wiederholt, die offenen Fragen der Angehörigen schnell beantwortet werden und Sie alle endlich etwas zur Ruhe finden. Weiterhin wünsche ich Ihnen viel viel Kraft, dass Geschehene einigermaßen verarbeiten und so gut es geht damit leben zu können.
    Den Verlust eines Kindes, wird man wohl nie verarbeiten können. Aber ich wünsche Ihnen, dass es irgendwann aufhört, nicht mehr ganz so weh zu tun.

    Das schönste Denkmal was ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen seiner Mitmenschen.

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