Der heutige Wetterumschwung ist krass. Es ist kalt, stürmisch und das Klima kann sich mit seinen Niederschlägen nicht entscheiden, ob es uns mit Regen oder einzelnen Schneeflocken nässen soll.
Überall im Ort herrscht hektisches Treiben. Die Vorbereitungen für den Gedenktag sind im vollen Gange. Vom Balkon aus können wir beobachten, wie vor dem Friedhof die Straße gefegt und die Namenstafeln am Grab geschrubbt werden. Holzpodeste werden an der Friedhofsmauer aufgebaut, wahrscheinlich für Fotografen, denn eine offizielle Kranzniederlegung ist geplant.
Vor der Stele wird in dem hochaufschießenden Zelt das Denkmal provisorisch errichtet. Ein Gerüst umschließt es. Der Künstler hat zu tun. Die Berge schauen aus ihrem Dunst heraus unschuldig zu.
Vor zwei Tagen waren wir bei strahlendem Sonnenschein in Digne und haben uns die Kathedrale du Bourg angesehen, in der die morgige Trauerfeier stattfinden wird. Ihr Zugang war versperrt. Sie sah nicht gerade geräumig aus, zumindest von außen. Passen hier wirklich 500 Angehörige hinein? Unsere Vermieter
bezweifeln das, doch Lufthansa ist überzeugt. Ein helles Zelt, das wohl zum Aufenthalt gedacht ist, wurde aufgebaut. Menschen wuselten eifrig herum …
Leider haben wir heute erfahren, dass einer der Insassen des Segelflugzeuges, das vorgestern in unmittelbarer Nähe unserer Ferienwohnung abstürzte, im Krankenhaus von Marseille gestorben ist. Das ist traurig und für uns schockierend.
Die Zeitungen überschlagen sich mit Meldungen über die geplante Pressekonferenz der Lubitz-Eltern. Sie haben ihr Thema gefunden.
Wir hadern vor allen Dingen mit dem dafür bewusst angesetzten Termin. Was für eine Taktlosigkeit!
Journalisten bedrängen Angehörige, Interviews zu geben. Ein deutsches Blatt lädt mich sogar ein, ihren Mitarbeiter zu der Konferenz nach Berlin zu begleiten. Strikt lehne ich ab, abgesehen davon, dass wir in Frankreich sind, will ich mit Jens zusammen sein, gemeinsam mit den anderen Familien trauern und dabei hoffentlich Ruhe und Andacht finden. Allerdings versuche ich, mir vorzustellen, wie es wäre, wenn die Eltern vor mir säßen, um trotz der vorliegenden Fakten die Unschuld seines Sohnes zu erklären. Das ist so absurd, dass meine Fantasie sich querstellt.
Was machen sie nur alle mit uns. Wir wollen in Stille trauern, seit zwei Jahren lässt man uns dazu wenig Raum. Immer wieder tauchen Schwierigkeiten auf, um die man sich kümmern muss oder über die man sich wegen ihrer Taktlosigkeiten ärgert.
Der Fall Germanwings ist von öffentlichem Interesse und damit ebenso die Angehörigen der Opfer. Wir wurden niemals auf solch eine Situation vorbereitet und tasten uns vor, ihre positiven Seiten im Sinne von Jens auszunutzen.
Jeder muss lernen, inwieweit er sich in seinem Leid vereinnahmen lässt. Morgen wird das Denkmal aus Gold publikumswirksam von Lufthansa präsentiert, und die Familie Lubitz provoziert mit der Pressekonferenz. Ich weiß nicht, wie ich mich dagegen wehren soll. Die Ereignisse finden statt. Ich kann sie nicht verhindern.
Für heute Abend werde ich sie ignorieren. Ich stehe auf dem Balkon und atme tief durch, währenddessen mein Mann mit eisernem Willen versucht, die Holzscheite im Kaminofen der Ferienwohnung anzuzünden. Es wird ihm gelingen, da bin ich mir sicher. Jens schaut lächelnd aus seinem Foto heraus zu.
Ich erwarte ängstlich den morgigen Tag.
© Brigitte Voß
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