Es gibt die Vorstellung, Le Vernet gehöre zu einer Region der südfranzösischen Alpen, in der man häufiger als sonst zu Gewaltverbrechen neigt, die vom Wahnsinn regiert werden. Ein ironisch gemeinter Dokumentarfilm von Luc Moullet „La terre de la Folie“ (Land des Wahnsinns) ist der Urheber dieser Ansicht. Er wurde 2009 auf dem Filmfestival in Cannes aufgeführt. Der französische Regisseur hat seine Wurzeln in dem von ihm benannten Gebiet. Akribisch hat er im Laufe der Zeit Fälle morbider Gewalttaten gesammelt, die sich dort ereigneten. Er tritt selbst in dem Film auf und behauptet, psychische Störungen und Einsamkeit habe die etwas abgeschieden lebenden Bewohner ohne Skrupel und Schuldgefühle zu den Grausamkeiten getrieben.
In der Dokumentation spannt Moullet auf der Landkarte ein Pentagon auf und versichert, dass es ein Terrain eingrenze, in dem besonders viele perfide Morde geschehen seien. Dazu gehören Digne-le Bains und Le Vernet. Um seine Behauptung zu untermalen, führt er bestialische Mordfälle auf, die es tatsächlich gab.
Angesichts des Germanwings-Absturzes geht die Idee nicht spurlos an mir vorbei. Ich bin da nicht die Einzige, denn in dem Buch „Rückkehr nach Le Vernet“ (ISBN-13: 978-3944648514 / siehe auch im Blog unter Menü Sonstiges) macht sich der Autor Nicolas Balique ähnliche Gedanken.
Was wäre, wenn sich der Wahnsinn seine Gewaltverbrecher nicht nur in der Bevölkerung sucht, die innerhalb des Pentagons lebt, sondern ebenso im Kreise labiler Personen, die beispielsweise die Region besuchen, sie durchreisen oder gar im Flugzeug überfliegen? Die Vorstellung entspringt zwar dem Reich der Fantasie, allerdings ist sie merkwürdig, weil sie passt.
Noch diese Gedankenwelt im Kopf, starte ich den Computer. Die E-Mail einer Journalistin, die ich im Vorfeld gebeten hatte, mir alles zu schicken, was mit dem geplanten Gegengutachten der Familie Lubitz zum Tod ihres Sohnes zusammenhängt, trifft ein. Ich möchte erfahren, womit die Eltern des Copiloten seine Unschuld begründen wollen. Sie haben dazu einen Gutachter eingespannt, der das herausfiltern soll. Aufgrund der bereits erwiesenen Fakten ist es ein recht zweifelhaftes Unterfangen mit dem Ziel, den Mörder von 149 Flugzeuginsassen reinzuwaschen, den Mörder von Jens.
Kriecht der Wahnsinn in den Laptop? (Nebengedanke: Hat er gar den gestrigen Flugzeugabsturz in der Nähe der Ferienwohnung bewirkt?)
Jetzt kommt die Unverfrorenheit hinzu, die fragwürdigen Erkenntnisse zum Todeszeitpunkt unserer Lieben zum Besten zu geben. Ich bin darüber mehr als entsetzt, ein normaler Mensch würde nie auf solch eine Taktlosigkeit kommen. Sollen sie doch ihren Mund halten oder wenigstens einen anderen Termin für die Pressekonferenz wählen. Ich war noch nie so wütend. Eigentlich bin ich ein friedliebender Typ, aber der Tod von Jens wandelt meinen Charakter. Mir nimmt es regelrecht den Atem.
(Siehe: AUS AKTUELLEM ANLASS – die geplante Pressekonferenz der Familie Lubitz)
© Brigitte Voß
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