Laut Wetterprognose soll heute der schönste Tag unseres Aufenthalts werden. So beschließen wir, direkt zur Absturzstelle zu wandern. Zunächst fahren wir mit dem Mietwagen die Piste Richtung Col de Mariaud aufwärts. Vor der Schranke, die nur Befugte mit einem Schlüssel öffnen können, parken wir das Fahrzeug und ersteigen den Sattel, wo wir eine kleine Rast einlegen, bevor es weiter geht.
An den baumfreien Stellen verharren wir. Sie ermöglichen Ausblicke auf den Ort des fürchterlichen Aufpralls. Obwohl er sich in mein Gedächtnis eingegraben hat, betrachte ich ihn, als hätte ich ihn noch nie gesehen. Trotzdem bleiben die Tränen aus. Die Augen sind leer. Ich bin unwahrscheinlich müde und würde mich am liebsten fallen lassen, um in irgendeine Dunkelheit zu verschwinden.
Ein Streckenabschnitt ist so steil, dass ich wie immer das Gefühl habe, nach hinten wegzukippen. Der Weg mündet in ein Geröllfeld, ab hier ist es nicht mehr weit.
Die schlichte Absturzmarkierung leuchtet im Schein der Sonne auf. Offensichtlich sehen wir den gelben Stab zum letzten Mal, denn sobald die Witterung es zulässt, wird er durch die vergoldete „Sonnenkugel“ ersetzt. Dennoch finden wir das Konzept mit den Holzkugeln gut (siehe 12.11.2016, Sonnabend – Angehörigentreffen der Lufthansa in Düsseldorf (1)), die wir zum Jahrestag mit Erinnerungen an unsere Lieben befüllen werden. Daran wollen wir uns beteiligen, auch wenn wir ein zwiespältiges Verhältnis zu dem Gedenkelement haben.
Wir setzen uns an die gewohnte Stelle und schauen zum Absturzfelsen empor. Die Schokolade, die mein Mann für Jens beim vergangenen Besuch zwischen die Steine gelegt hatte, ist verschwunden. Obwohl kleine Papierfetzen beweisen, dass sich Tiere darüber gefreut haben, meint er stur, Jens habe sie genommen. Wir schweigen viele Minuten. Der Bach murmelt.
Plötzlich tauchen in der Ferne zwei Personen auf. Als sie uns erreichen, fragt einer von ihnen, ob wir auf einer Wanderung seien. Da ich das von den beiden denke, erkläre ich die Ursache unseres Hierseins, denn ich möchte hier oben Ruhe haben und mich nicht zusätzlich mit unbedarften Wanderern unterhalten. Sie würden geschockt sein, wenn sie den Grund erfahren und sofort das Weite suchen, so hoffe ich.
Stattdessen antworten sie: „Wir können bestimmt deutsch weiterreden.“
Ich stöhne innerlich.
„Wir sind von Lufthansa. Wir wollen noch etwas überprüfen.“
Das haben wir nicht erwartet. Mir entfährt nur ein fragendes „Ach?“.
Niemand wusste, was er sagen sollte. Die beiden verschwinden hinter dem Grat. Nur kurze Zeit darauf kommt einer der Mitarbeiter erneut zu uns und stellt sich vor. Er fügt hinzu, dass er damals das deutsche Bergungsteam geleitet habe. Seitdem suche er oft die Absturzstelle auf.
Er muss Schreckliches gesehen haben. Ich vermute, dass er die Besuche braucht, um das Erlebte zu verarbeiten, und teile es ihm mit.
Er lässt das im Raum stehen und verdeutlicht stattdessen genauestens, aus welcher Richtung das Flugzeug geflogen kam. Ich hatte mir die Strecke etwas abweichender vorgestellt und war dankbar für den Hinweis.
Genau könne man nicht sagen, wo die Maschine eingeschlagen ist. Wahrscheinlich sei es dort, wo jetzt die Markierung ist. Er erklärt weitere Details.
Bis Juli hat er das Absturzgebiet gründlichst abgesucht, bis er nichts mehr finden konnte.
Bevor er sich verabschiedet, um den Kollegen zu unterstützen, fügt er hinzu, dass er solch einen Ort der Zerstörung wie hier noch nie gesehen habe, trotz verschiedener Einsätze bei Flugzeugabstürzen.
Er verschwindet hinter dem Grat. Wir schauen hinterher. Er hat viel geleistet. Verfolgen ihn die Bilder der Germanwings-Apokalypse im Schlaf?
Wir beschließen zu gehen.
Oberhalb der Schranke entdecken wir ihr Fahrzeug.
Am Col legen wir eine kleine Rast ein. Ich liege auf einer Rastbank und beobachte die vorbeiziehenden Wölkchen. Ein Auto hält an. Schritte kommen näher. Ich tauche aus meiner Versenkung nach oben und sehe die beiden Lufthansa-Mitarbeiter. Sie erkundigen sich, ob wir mitfahren möchten. Wir sind froh über das Angebot, denn die südfranzösische Sonne bohrt sich in die Köpfe und der Weg bis zum Parkplatz würde sich noch in die Länge ziehen.
© Brigitte Voß
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