19.03.2017, Sonntag – wieder ein Flugzeugabsturz (zweites Jahresgedenken der Katastrophe in Le Vernet 2)

Ich sitze auf dem Balkon der Ferienwohnung und genieße die Aussicht auf die Berge. In der Ferne grasen Kühe am Hang. Die Mittagssonne ist heiß, blendet und nervt. Ich gehe zurück ins Zimmer, um ein wenig auszuruhen. Generell schlafe ich miserabel. Kaum liege ich auf dem Bett, schreckt mich ein schrill jaulendes Geräusch hoch. Es klingt bedrohlich. Ihm folgt ein Scheppern, als würde etwas Schweres zu Boden krachen. Noch den Lärm in den Ohren schiebe ich den Fenstervorhang beiseite. Die Sonne strahlt auf eine Landschaft, die mir nicht erklärt, was passiert ist. Unheil liegt in der Luft. Ich spüre deutlich ein Kribbeln auf der Haut. Wider aller Erfahrung krieche ich erneut unter die Decke und ziehe sie weit über den Kopf. Sie schützt nicht vor dem Heulen der Sirenen sich nähernder Unfallwagen und dem Propellerlärm der Hubschrauber, der rhythmisch herüberschallt.
Letztendlich treffen sich mein Mann und ich auf dem Balkon und beobachten, was sich geschätzte 200 Meter von uns entfernt abspielt. Die Ursache der hektischen Betriebsamkeit bleibt uns verborgen, da die Kirche und einige Gebäude die Sicht versperren. Uniformierte laufen hin und her, zunehmend stehen Schaulustige am Straßenrand und schauen auf die großflächige Wiese, die sich zwischen Friedhof und dem Restaurant „Le Moulin“ an der Landstraße D 900 befindet. Erst kürzlich sind wir den Weg, der sich durch sie schlängelt, zu der Gaststätte gegangen.
Die Hubschrauber landen in unmittelbarer Umgebung. Feuerwehrautos verlassen die Straße, um in der Nähe des Geschehens zu parken. Die Zeit vergeht. Wir wissen immer noch nicht, was passiert ist. Neugierig setze ich mich an den rustikalen Holztisch, um den Laptopdeckel aufzuklappen. Schließlich werde ich in einer regionalen Online-Zeitung fündig. Mit Entsetzen lese ich, dass ein motorisiertes Segelflugzeug mit zwei Personen an Bord aus unerfindlichen Gründen in den kleinen Flusslauf gestürzt ist, den wir gestern überquert haben. Der Pilot und sein Passagier, beide sind deutscher Herkunft, wurden schwer verletzt.
Die Schaulust auf dem Balkon ist mir vergangen, ich möchte nichts mehr davon mitbekommen. Ich bin regelrecht schockiert. Sind wir etwa auserkoren, mit Flugzeugabstürzen in Verbindung zu stehen? Es begann mit dem Sterben von Jens. Wir versuchten nach seinem Tod, ein wenig Ruhe und Hilfe über eine Kur zu finden. In dieser Zeit stürzte der Geschäftsführer der Kurklinik in einem Kleinflugzeug ab und verstarb.
Wären wir vorhin auf dem Balkon geblieben, hätten wir unweigerlich den abstürzenden Flieger gesehen. Das jaulende Geräusch der sterbenden Maschine wird in meinen Ohren hängen bleiben.
Wir sind anlässlich des zweiten Jahresgedenkens vor Ort. Muss das ausgerechnet jetzt passieren? Hoffentlich überleben die Menschen.
Soll das ein schlechtes Vorzeichen für den nahenden Jahrestag sein oder gar für uns?
Wir beschließen, ans andere Ende des Dorfes, zum Gedenkraum zu gehen. Auf dem Weg begleiten uns wie schon oft bei unseren Besuchen in Le Vernet zwei Hunde. Der eine ist groß und hat ein dichtes zotteliges Fell, sein Kumpan fällt mehrere Nummern kleiner aus. Sie mögen es, gestreichelt zu werden. Ob sie uns bereits kennen? Für mich sind es alte Bekannte, die etwas Vertrautes an sich haben. Wem sie gehören, wissen wir nicht.
Eine letzte Kurve legt die Sicht auf das hohe, weiße Zelt frei, in der die „Sonnenkugel“ für die offizielle Einweihung vorübergehend aufgebaut wird. Ich versuche, meine Abneigung zu bekämpfen, schließlich muss ich einen gewissen Frieden mit dem Denkmal finden.Wir sitzen im Gedenkraum und betrachten die Fotos der Verstorbenen, unter ihnen lächelt uns Jens erfreut an. Er ist bei uns und doch wieder nicht. Zum wievielten Mal wird mir mit voller Härte bewusst, dass er niemals zurückkommt? Meist gelingt mir, diese Klarheit zu verdrängen, aber anlässlich bestimmter Ereignisse, funktioniert das immer weniger.
© Brigitte Voß


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