Seit gestern sind wir in Le Vernet. Wir möchten in Ruhe dem zweiten Jahresgedenken an die Germanwings-Katastrophe entgegensehen und ausklingen lassen. Daher haben wir vor Ort die Ferienwohnung gebucht, mit der wir bereits gute Erfahrungen gesammelt haben und planen, etwa eine Woche zu bleiben. Das erspart uns die längere Anfahrt von den Hotels in Aix-en-Provence, auf die wohl die meisten Angehörigen für drei oder vier Tage verteilt werden.
Da wir mit dem Flugzeug angereist sind, haben wir über die Lufthansa einen Mietwagen buchen lassen – mit Winterreifen. Die Mitarbeiter des Lufthansabüros in Le Vernet hatten uns das einst dringend angeraten, da auch im März das kleine Bergdorf mit einer dicken Schneedecke verhüllt sein könnte. Allerdings haben wir das noch nicht erlebt.
Die Angestellte der Autovermietung erklärte jedoch, dass all ihre Fahrzeuge ohne Winterreifen ausgestattet seien. In Frankreich würde per Hinweisschild am Straßenrand angezeigt, ob man Schneeketten bzw. -reifen benötige. Dies werde der jeweiligen Situation angepasst und sei obligatorisch. Wir staunen. Eine generelle Pflicht gibt es offensichtlich nicht. Am Beispiel von Marseille wäre das auch Unfug.
Nun hoffen wir, dass es nicht schneien wird, wenn wir mit Mietwagen und Sommerreifen um diese Jahreszeit im Hochgebirge unterwegs sind.
Die Vermieter der Ferienwohnung haben uns freudig begrüßt. Die Unterkunft ist vertraut, ebenso das Bergdorf und seine Umgebung.
Meine Französischkenntnisse reichen für einfache Gespräche aus. Daher haben wir einige Meinungen der Bewohner über die Geschehnisse, die sich seit dem Absturz in dem Ort abspielen, zu hören bekommen. Teilweise decken sie sich:
„Was soll dieses überdimensionale, goldene Denkmal an der Absturzstelle?“, fragt ein Einheimischer. Er ist entsetzt, weil auf der Wiese vor der Stele ein großes weißes Zelt in die Höhe ragt, dessen Planen im Wind wedeln und Blicke auf das so Verhüllte freigeben. Darin wird die „Goldene Sonnenkugel“ provisorisch aufgebaut, um sie zum Jahrestag den Opfer-Familien zu präsentieren. Ihren endgültigen Platz soll sie später an der Absturzstelle finden.
Muss ich über das Denkmal diskutieren, fallen mir die treffenden Vokabeln nur schwer ein. Der Kopf ist blockiert, weil ich selbst ein gespaltenes Verhältnis dazu habe. Eine Gesprächspartnerin ergreift spontan meinen Arm, als sie davon erfährt. Sie ist sichtlich erleichtert und meint: „Niemand hat uns hier gefragt, ob wir mit dem Monument einverstanden sind.“
Auf den Einwand hin, dass doch wohl der Gemeinderat darüber abgestimmt hätte, winkt sie nur müde ab.
Eine andere redet sich in Rage: „Lufthansa diskutiert nicht mit uns. Sie haben ja viel Gebiet von Le Vernet abgekauft und machen damit, was sie wollen. Sie okkupieren Bereiche des Ortes, so auch den Friedhof. Wo sollen wir hin, wenn wir sterben? Für uns wird kein Platz mehr sein.“ Mir fällt eine Bewohnerin ein, die Ende vergangenen Jahres zu Verstehen gab, dass es den Einwohnern schwerfiele zu akzeptieren, dass das stufenförmige Bauwerk (Kolumbarium) neben dem Gemeinschaftsgrab der nichtidentifizierbaren Reste der Opfer ungenutzt bleibt. Seine Fächer sollten die Urnen der verstorbenen Dorfbewohner aufnehmen, doch stattdessen werden sie von den Kerzen, den Fotos und von anderen Erinnerungsstücken an die Toten des Germanwings-Fluges versperrt, die deren Hinterbliebene aufstellen.
Eine weitere Meinung: „Soundsoviel Lufthansamitarbeiter sind derzeit vor Ort. Was wollen sie hier? Sie gehen an uns vorbei und grüßen nicht einmal. Auch sind wir sauer, weil die Bibliothek umziehen muss. Wir sind dagegen und wollten, dass sie an ihrem angestammten Platz bleibt.“
Der Umzug hängt mit der Schaffung eines Begegnungsraumes für die hinterbliebenen Familien in der Nähe der Stele zusammen. Er wird gemeinsam von einer Interessentengruppe Angehöriger und der Lufthansa gestaltet.
„Und was sagt der Bürgermeister zu all dem?“, wollen wir wissen.
„Ach, der ist doch nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Also das funktioniert so …“, der Sprecher formt das Handzeichen für ein Telefon und hält es sich entsprechend ans Gesicht, während er deutlicher wird, „Berlin telefoniert mit Paris. Paris mit dem Präfekten und der mit unserem Bürgermeister. Was soll er da ausrichten?“
Die Gespräche machen nachdenklich.
Ich gebe diese Meinungen unkommentiert wieder. Inwieweit sie den wahren Sachverhalten entsprechen, vermag ich nicht zu beurteilen. Auf jeden Fall zeigen sie an, dass die Beziehungen der Einwohner zur Lufthansa wohl nicht zum Besten stehen.
© Brigitte Voß
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