Seit einigen Tagen stresst uns die Zeitverschiebung, die zwischen Bali und den heimischen Gefilden herrscht, aber auch das kalte Klima Deutschlands setzt uns zu. Dabei meine ich nicht nur das Wetter, sondern ebenso die Ereignisse rund um den Germanwings-Absturz, die sogleich nach der Rückkehr auf uns einstürmen. Leider hilft es nicht, sich die mittlerweile vertraute balinesische Musik anzuhören, um die Geschehnisse etwas freundlicher erscheinen zu lassen.
Im Urlaub auf Bali wurden wir von Angehörigen auf einen Beitrag im »Spiegel« 8/2017 von Gerald Traufetter mit dem Titel »Juristisches Gezerre« aufmerksam gemacht. Doch damals ging die Aufregung, die er hervorrief, an uns vorbei. Jetzt sind wir mitten drin, da wir hautnah ihre Reaktionen mitbekommen. Gemäß dem Montrealer Abkommen (Schuldfrage spielt hier keine Rolle) wird die zweijährige Ausschlussfrist dieses Jahr am 24. März ablaufen, was bedeutet, dass hierdurch die außergerichtlichen Vergleiche zwischen Germanwings und uns beendet sind und auch nicht mehr geklagt werden kann. Verständlicherweise schafft das Unruhe, die der Artikel im »Spiegel« verstärkt. Immerhin befinden sich die entsprechenden Verhandlungen in der Endrunde. Ich lese, dass Mandanten ihren Rechtsanwalt verklagen wollen und stelle fest, dass damit nicht der Anwalt gemeint ist, der uns vertritt.
Besagter Jurist, der laut »Spiegel« 35 Opfer-Familien unter sich hat (die Angaben schwanken in den Medien), erwäge, in Deutschland gegen Lufthansa zu klagen.
Das verschafft zusätzliche Aufregung, da die betroffenen Hinterbliebenen vor der Entscheidung stehen, dem zuzustimmen oder nicht. Mir ist unklar, wie der von ihm geführte Fall behandelt wird. Wir haben doch alle dasselbe erlebt. Offensichtlich haben er und unser Anwaltsteam unterschiedliche Herangehensweisen.
Hinzu kommt die Aussage, das amerikanische Rechtsanwaltsbüro, das uns bei einem eventuellen gerichtlichen Vorgehen gegen die Flugschule in Phoenix/Arizona, die Copilot Lubitz durchlief, vertreten würde, hätte in seinem Vertrag mit uns eine Klausel eingebracht. Danach würde es auf in Deutschland erstrittenen Gelder zugreifen, um die Kosten solch eines US-Verfahrens zu decken.
Demgegenüber steht, dass uns die US-Anwälte bereits versicherten, dass sie nur im Falle eines positiven Ausgangs der Klage ein Honorar verlangen würden.
Wieso gelangt dieser Artikel gerade zum jetzigen Zeitpunkt des Ablaufes der Ausschlussfrist in die Öffentlichkeit? Er verunsichert und trägt dazu bei, dass sich Angehörige abfinden lassen und damit nicht mehr gegen Lufthansa vorgehen können.
Das BGB garantiert eine Verjährungsfrist von drei Jahren.
Wer steuert derartige Beiträge?
Ich vermag die Aussagen des Nachrichtenmagazins anhand der uns vorliegenden Dokumente nicht überprüfen, die Rechtssprache nervt und die juristische Denkweise übersteigt oft meine Vorstellungskraft. Ich bin einfach nur noch müde und will unseren Jens zurückhaben, dann würde alles so sein wie früher und die bessere Zeitrechnung könnte weiterticken. Trotzdem bleiben wir bei unserer Linie, auch wenn es Kraft und Nerven kostet. Jens soll Gerechtigkeit widerfahren.
Ich fühle mich in dieser Welt immer fremder.
Das Gefühl verstärkt sich durch weitere Meldungen in den Zeitungen, die die Familie Lubitz betreffen. Sie zweifeln die Untersuchungen zum Tathergang an, sie nennen es »Unfallhergang«. Die Medien hätten ein vollkommen falsches Bild ihres Sohnes gezeichnet. Es gäbe »merkwürdige Sachverhalte« und »Zweifel«, die allerdings nicht näher benannt werden. Ich fasse es nicht! Ich verstehe, dass es für Eltern ein besonderer Schock sein muss, zu erfahren, dass ihr Kind ein Mörder ist. Man stellt sich Fragen. Hat man die Kraft, betreibt man eigene Recherchen. Aber trotzdem erkennen sie die Realität nicht an, nämlich dass ihr Sohn bewusst alle Insassen des Flugzeuges in den Tod führte. Die Ergebnisse der französischen Untersuchungsbehörde lassen keinen anderen Schluss zu. Um so unverschämter sind ihre öffentlichen Behauptungen, die jeglicher Grundlage entbehren.
Die Aussagen jener Eltern regen mich auf. Die Kommentare in der Gruppe der Angehörigen häufen sich. Im Minutentakt verkündet das Handy durch grünes Blinken neue Meinungen: Es will gar nicht mehr aufhören. Sie sind wie ich empört und aufgewühlt: »Ich könnte brechen«, »Der Tag ist für mich gelaufen«, …
© Brigitte Voß
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