19.02.2017, Sonntag – von der Raupe zum Schmetterling (Bali 7)

Ich bin neugierig. Rama fährt mit uns zu einem Schmetterlingspark (Kemenuh Butterfly Park), der sich in der Nähe von Ubud befindet. Auf dem Eingangsschild prangt ein riesiger, bunter Schmetterling. In der freien Natur konnten wir bereits farbenfreudige Vertreter beobachten, und so gehen wir voller Erwartung hinein.
Wir laufen auf gewundenen Wegen vorbei an exotisch, grünen Bäumen und Sträuchern sowie künstlichen Wasserläufen. Das weiträumige Netz, das die Halle überspannt, schluckt kaum die Helligkeit der Sonne, die draußen unbarmherzig ihre Hitzeglut verströmt.
Zunächst offenbaren sich nur die Pflanzen. Doch schaue ich genauer hin, entdecke ich mit der Zeit eine Vielzahl dieser flatternden Wesen. Sie konkurrieren in Form, Farbe und Größe miteinander. Die Flügelspannweite der indonesischen Arten kann bis zu 25 cm erreichen. Sie glänzen schwarz, blau, orange, weiß, beige oder mehrfarbig in unterschiedlichen geometrischen Mustern zu uns herüber. Ich möchte ein Schmetterling sein und befreit von der Last des Schmerzes anmutig durch die Lüfte fliegen.
Ich wandle wie im Traum. Die Tiere begleiten uns seit dem Tod von Jens. Ihr unerklärliches Auftreten in gewissen Situationen, die mit ihm zusammenhängen, ist für uns kein Zufall mehr. Sie flattern beim Spaziergang vor uns her, wenn wir von ihm reden, betrübt sind oder Probleme haben. Einer ließ sich sogar von uns streicheln.
Nimmt die Schwere der Trauer überhand und will lähmen, sind sie oftmals da. Sie zeigen sich ebenso in Abbildungen, in der Literatur und in seltsamen Begebenheiten. Sie machen Mut und treiben uns an. Wir sind uns einig, sie können nur ein Zeichen von Jens sein. Die Suche nach logischen Erklärungen habe ich aufgegeben.
Zu Beginn ahnten wir nichts von der Symbolhaftigkeit, die den Wesen anhaftet. Allein, die Verbindung mit unserem Sohn war sofort in uns.Im antiken Griechenland bezeichnete das Wort Psyche (ψυχή) in Übersetzung einen Schmetterling, der am Tag aktiv ist. Die dazugehörige Puppe wird in die »Hülle der Toten« übersetzt. Aus ihr befreit sich die Seele und entschwebt in die Freiheit. Das lässt der Fantasie freien Raum an Deutungsmöglichkeiten.
In der Zuchtstation sehe ich praxisnah die einzelnen Entwicklungsstufen der Insekten: die Eier, die daraus resultierenden Raupen sowie ihre verpuppten Gespinste, sowohl Puppe als auch Kokon genannt. Letztere sind frappierend. Ihr Stadium kann über Monate bis Jahre bestehen bleiben. Unscheinbar hängen sie vor mir. In ihnen erfolgt die wundersame Wandlung der Raupe zum farbenfrohen Falter. Nichts erinnert mehr an das auf dem Untergrund krauchende Wesen, das er einst gewesen ist. Die gesamte Biologie hat sich geändert. Aus einem Kokon schauen bereits Flügel heraus. Es ist unbeschreiblich. Wie funktioniert das?
Ist es Jens bei seinem Sterben ähnlich ergangen? Ist er vom lebenden Zustand auf der Erde in einen uns unbekannten übergangen, indem er sich wie die Flattertiere aus der sterblichen Hülle befreit hat? Ich hoffe so sehr, dass er in irgendeiner Form weiterlebt. Verinnerliche ich diese Vorstellung, ist das für mich ein Trost.
Für die Christen ist der Schmetterling ein Symbol für die Auferstehung. Sie sprechen von der Verwandlung des irdischen Körpers in den himmlischen, unvergänglichen Leib. Sie brauchen den Tod nicht zu fürchten, denn für sie hat er die Endgültigkeit verloren. Christus ist von den Toten auferstanden, und das wird zu Ostern gefeiert.
Niemand kann den Glauben beweisen oder widerlegen.
Da dem Schmetterling trotz Schönheit und Anmut nur ein kurzes Leben beschieden ist, aber auch wegen seiner Zerbrechlichkeit, wurde er zum Sinnbild der Vergänglichkeit.
Und natürlich symbolisiert er das Bewusstsein, die Seele und den freien Geist, die alle materielle Bindungen hinter sich gelassen haben.In einer weiteren Abteilung befinden sich die frisch geschlüpften Insekten. Sie bewegen sich kaum. Sie benötigen im Durchschnitt zwei Stunden, bis sie fliegen können. Wenn man es möchte, setzt das Personal sie dem Besucher auf Hände, Arme und Schultern. Rama, unser Fahrer, betont mehrfach, dass Schmetterlinge für den Balinesen Glück bedeuten. Sein Strahlen in den Augen zeigt, wie wohl er sich in dem Park fühlt. Uns ergeht es nicht anders. Wir staunen und entspannen.
Mit einem Lächeln im Gesicht verlassen wir das Wunderland.
© Brigitte Voß


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