Wir laufen in einer kleinen Gruppe amerikanischer und australischer Touristen durch Abangan, einer 120-Seelengemeinde in der Nähe von Ubud, die man von unserem Hotel zu Fuß erreichen kann. Eine Hotelangestellte führt uns. Sie erklärt die Gegebenheiten in englischer Sprache. Wir erfahren viel, doch möchte ich mich in diesem Beitrag auf die Einstellung der Balinesen zum Thema Tod konzentrieren.
Wir gehen vorbei an teilweise ärmlichen Häusern. Vor dem Gemeindehaus bleiben wir stehen. Die Veranda ist zur Straßenseite offen.
Ich stelle mir vor, wie Gemeindemitglieder im hier typischen Schneidersitz auf dem Boden sitzen und Entscheidungen in wichtigen Angelegenheiten treffen. Unsere Begleiterin erläutert unter anderem: »Bleibt nach dem Tod eines Dorfbewohners nur noch ein einziges Familienmitglied übrig, und ist er oder sie beispielsweise nicht in der Lage, das Schulgeld für die eigenen Kinder aufzubringen, berät die Gemeinde, ob sie für den erforderlichen Betrag einspringt. Die Dorfbevölkerung ist arm, aber sie helfen sich gegenseitig.«
Wir erreichen das Ende des Dorfes, verlassen die Straße und gelangen auf einen verwahrlosten, grün bewachsenen Platz. Dass dies ein Friedhof sein soll, muss uns erst erklärt werden.
»Wo sind denn die Gräber?«, fragt eine Urlauberin überrascht. In der Tat entdecken wir sie nach einigem Suchen hinter und unter dem blättrigen Bodengesträuch, aus dem niedrige Grabsteine hervorragen, die den Namen des Verstorbenen angeben.
Davor liegen Opfergaben an die Götter, auch eine Gelkerze erkenne ich. Hier herrscht die unbändige Natur.
Die Erklärungen der Balinesin ergänzen die Antworten, die wir von Rama, unserem Chauffeur, auf entsprechende Fragen bereits erhalten haben. Wir unterhalten uns gern mit ihm, was in stundenlange Mittagessen auf schattigen Freisitzen diverser Restaurants ausarten kann.
Daraus ergibt sich folgendes Bild: Die Toten werden gewaschen und aufgebahrt, bevor man sie vorübergehend beerdigt.
Sie bleiben in der Regel zwei oder drei Jahre unter der Erde. Die Familie muss erst das Geld zusammensparen, um sich die Verbrennung mit all den aufwendigen hinduistischen Trauerzeremonien leisten zu können. Haben sie die finanziellen Mittel schließlich beisammen, graben sie das, was von dem Leichnam übrig geblieben ist, wieder aus. Die Knochen werden gereinigt und in einem Sarg der Kremation zugeführt. Die Asche wird den Angehörigen entweder zur Aufbewahrung übergeben, oder sie streuen diese ins Meer.
Es ist ungemein wichtig, dass der Tote eingeäschert wird, denn sonst würden die Hinterbliebenen mit einem schlechten Karma gestraft und kein Glück mehr im nächsten Leben haben. Rama weiß von einer Familie, die in seiner Nähe wohnt. Sie hatte den Verstorbenen nicht verbrannt. Seitdem würde es ihr miserabel ergehen. Er ist wie die die Mehrheit der Inselbewohner zutiefst religiös.
Die zentrale Religion Balis ist der Hinduismus. Daher glauben die Einheimischen an die Reinkarnation. Der Körper ist für sie nur eine Hülle, die das Wichtigste, die Seele, enthält. Wird der Tote dem Feuer überführt, wird sie befreit, kann die Erde verlassen und sich mit der Gottheit vereinen oder für eine erneute Geburt zur Verfügung stehen. Somit wird nachvollziehbar, wenn Rama erklärt: »Unsere Trauerzeremonien bei der Verbrennung sind freudig. Stirbt jemand, ist das ein großes und positives Ereignis. Wir sind froh, dass er es geschafft hat, dass er diesen Weg hinter sich gebracht hat. Und das feiern wir.«
Offensichtlich sieht er mir die Verwirrung an. Er fügt hinzu: »Geht ein Mensch für immer von uns, sind wir zunächst auch traurig. Dabei halten wir Abstand von seinem Körper, damit die Tränen nicht auf ihn tropfen. Würden sie ihn berühren, bekäme der Verstorbene bei Wiedergeburt ein negatives Karma. Er hätte kein Glück im neuen Leben«, ist Rama überzeugt und spricht weiter: »Musste jemand aufgrund eines Unfalls sterben oder wie bei euch durch einen gewaltsamen Tod, so ist das für uns Balinesen natürlich ein tiefer Schock, weil das so nicht gewollt war. Solch ein Dasein ist doch nicht der normale Lebensweg, den man zu gehen hat … »
© Brigitte Voß
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