15.02.2017, Mittwoch – die Seelen der Toten (Bali 5)

… Ein Wegweiser führt zu einer Terrasse, von der man die Vögel gut beobachten kann. Ein Balinese in traditioneller Kleidung, einen Sarong (Stoffbahn) um die Hüften geschlungen, einen Wickel um den Kopf, der vorn geknotet ist, kommt entgegen und weist uns hinein. Er bietet Getränke an und verwickelt mich in das übliche Wortgeplänkel: »Woher kommen Sie?« Es folgt das große Erstaunen: »Von so weit her?« Ich nicke. »Bayern Munich, Dortmund«, bringt er akzentbeladen hervor. In der Bundesliga kennen sich die männlichen Inselbewohner offensichtlich aus, wie auch die Taxifahrer der Insel beweisen.Wir können uns auf die bereitstehenden Stühle setzen. Vor uns breitet sich eine exotische Landschaft aus. Reisfelder blinken in der untergehenden Sonne, in ihrem Nass spiegeln sich Palmen, die vereinzelt herumstehen und im Gegenlicht wie Scherenschnitte aussehen. Reiher fliegen nach und nach ein und lassen sich, von ihrer alltäglichen Futtersuche kommend, auf die seitlich stehenden Bäume nieder. Meist tragen sie ein weißes Federkleid, haben einen gelben Schnabel sowie dunkle Beine und Füße. Ich vermisse die Schmuckfedern auf dem Hinterkopf, wie ich sie vom heimischen Graureiher her kenne. Das Weiß vermittelt mir ein Gefühl von Reinheit, von der Unschuld der Seelen der Ermordeten, die sie verkörpern sollen. Im Hinduismus ist es die Farbe der Trauer.
Ein großer Schmetterling schreckt mich aus meinen Gedanken auf. Er tändelt vor mir hin und her, als wolle er mir die bunten Flügel zeigen. Ich springe auf und denke sofort: ›Das ist Jens!‹ Nach all den denkwürdigen Erlebnissen mit diesen Flattertieren, die wir seit der Katastrophe haben (im Blog an mehreren Stellen beschrieben), sind sie zum Symbol für ihn geworden. Vielleicht zeigt er seine Seele in der Verkörperung eines Schmetterlings, um mit uns in Kontakt treten zu können? Wer weiß? Oder haben die roten Hibiskusblüten, die neben mir auf der Geländerbrüstung in einer Schale mit Wasser schwimmen, das Insekt angelockt? Er lässt nicht von mir. Ich strecke ihm die Hände entgegen, damit er sich darauf setzt, und folge seinen Bewegungen. Er streift sie mit leichtem Flügelschlag. Die Berührung ist wie ein Hauch. Mehrfach umkreist er mich. Ich drehe mich mit ihm um die eigene Achse. Ich führe einen regelrechten Schmetterlingstanz auf. Momentan ist er verschwunden. Sitzt er auf dem Kopf? Leider kann ich es nicht sehen. Von oben kommend flattert er dicht vor mein Gesicht. Wieder fliegt er um mich herum, ich spüre ihn im Vorbeifliegen am Arm. Das geht eine ganze Weile so, bis er verschwindet. Ich bin verwirrt und ringe nach logischen Erklärungsversuchen, die nicht so recht gelingen wollen. Warum auch? Die Sache ist klar, das ist ein Gruß von Jens. Jetzt taucht er bei meinem Mann auf, der einige Meter entfernt das Schauspiel der eintreffenden Vögel in seine Kamera bannt. Das ist umso merkwürdiger, da wir nicht die einzigen Touristen vor Ort sind.
Der freundliche Getränkeverkäufer, kommt erneut zu mir. Er lacht. Offensichtlich hat er das Geschehen beobachtet, denn er erklärt prompt: »Der Schmetterling hat Sie berührt. Er hat sich auf Sie gesetzt. Sie werden morgen großes Glück haben. Das ist unser Glaube.« Bedeutungsvoll schaut er mir in die Augen. Seine Erklärung gefällt mir. Wir geraten in ein Gespräch über Schmetterlinge, in dessen Verlauf ich ihm mitteile, dass ich eine tiefe Beziehung zu ihnen habe, ohne den Grund dafür zu nennen. Er erzählt weiter: »Feiern wir Zeremonien und tauchen dabei Schmetterlinge auf, ist die Begeisterung bei uns Balinesen enorm, weil sie das Glück verstärken. Ihr Kommen ist ein positives Zeichen, dass uns die Götter besonders gewogen sind.« Er ist fest davon überzeugt und ich verstehe ihn zutiefst. Wir sind einer Meinung: Schmetterlinge sind etwas Außergewöhnliches.
Wir verlassen den magischen Ort. Es wird dunkel. Die Straße von Petulu ist nach wie vor belebt. Kinder spielen mit einer Blechbüchse Fußball. In einer Hausecke wird wohl ein Hahnenkampf vorbereitet. Ein Mann sitzt mit seinen Jungs auf den Stufen einer Mauer und ruft uns ein freundliches »Good evening« entgegen. Wir grüßen gut gelaunt zurück.
© Brigitte Voß


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