Am späten Nachmittag kommen wir todmüde von unserer vollgestopften Tagestour zurück. Die Schmetterlingsfarm haben wir nicht mehr geschafft, das müssen wir unbedingt nachholen.
Ehe wir zum Hotelzimmer gehen, wollen wir für morgen einen Kurzausflug nach Petulu buchen, um die weißen Reiher (white herons), die allabendlich auf ihre Schlafbäume zurückkehren, zu beobachten. Leider erfahren wir, dass bis zur baldigen Abreise kein Termin frei ist.
»Allerdings könnte ich Ihnen für nachher einen Fahrer organisieren«, sagt die Mitarbeiterin an der Rezeption. »Sie müssten in zwanzig Minuten vor dem Hotel sein.« Sie lächelt uns aufmunternd zu und meint: »Es lohnt sich, wirklich.«
Trotz Erschöpfung sagen wir zu und stürmen in die Unterkunft. Aus der Ferne sehe ich die Hotelangestellte herauskommen, die wie jeden Abend die Bettdecke zurückgeschlagen und das Licht angeknipst hat. Sie nickt uns zu, schlüpft in ihre auf der Veranda abgestellten Pantoffeln und schon eilt sie zum nächsten Hauseingang, um andere Urlauber mit dem Service zu erfreuen.
Am liebsten würde ich mich auf das einladende Bett werfen.
Auf dem Schreibtisch entdecke ich neben dem Foto von Jens eine Vase, aus der eine kräftig gewachsene rote Rose ragt. Von uns ist sie nicht. Das kann nur die nette Balinesin gewesen sein, die soeben das Zimmer verlassen hat. Sie ist die Einzige, der ich vom Schicksal unseres Sohnes erzählt habe. Ich freue mich über diese anteilnehmende Aufmerksamkeit.
Es kursieren unterschiedliche Erklärungen zum massenweisen Auftreten der Reiher in Petulu. Eine davon mag der Wahrheit am nächsten liegen, wohl, weil sie eine dunkle Seite in der historischen Vergangenheit Indonesiens aufschlägt, die in dem Land bis heute gern unter den Tisch gekehrt wird und niemals richtig aufgearbeitet wurde.
Die Balinesen sehen in den Vögeln des Dorfes die Seelen der Opfer der blutigen Massaker 1965/66. Laut Wikipedia wurden 500 000 bis 3 Millionen Anhänger der Kommunistischen Partei sowie regierungskritische Studenten nach einem Putschversuch des Generals Suharto ermordet. Sie unterstützten den ersten Präsidenten Indonesiens, Sukarno. Der Putschist siegte und deklarierte sich selbst zum Regierungsoberhaupt. Es folgten Massenmorde an seinen Gegnern, die zu den grausamsten der heutigen Zeit gehören und auch Bali nicht verschonten. Sogar Teile der Zivilbevölkerung beteiligte sich an den mörderischen Umtrieben. All die Vorgänge wurden bisher niemals geklärt.
Fakt ist, dass Ende Oktober 1965 in Petulu eine Zeremonie stattfand, die den Ort von den furchtbaren, negativen Energien reinigen sollte. Nur wenige Tage später tauchten die Vögel in auffallender Zahl auf.
Sie nisten seither auf den Bäumen und suchen sie bei Sonnenuntergang als Schlafplatz wieder auf. Da die vorherrschende Religion Balis der Hinduismus ist, glaubt die Bevölkerung an die Wiedergeburt. Für sie tragen die weißen Reiher die Seelen der Ermordeten in sich.
Von unserem Hotel bis Petulu benötigt das Hotelshuttle nur zehn Minuten. Der Fahrer parkt das Fahrzeug auf einem freien Platz, erklärt den Weg und wartet auf uns.
Wir schlendern die Dorfstraße entlang. Es ist immer noch heiß.
Die Einheimischen sitzen vor ihren Häusern und unterhalten sich, die Geschäfte sind geöffnet. Auf den Bäumen, die die Straße säumen, sehen wir über uns die ersten white herons, auf Deutsch Silberreiher und auf Balinesisch heißt der Vogel Kokokan.
Mich beschleicht ein unsicheres Gefühl, da ich auf dem Boden eine Vielzahl von hellen Klecksen entdecke, die Exkremente der Reiher. Unwillkürlich versuche ich, den Kopf einzuziehen, aber schon landet ein kleiner Fladen auf meinem Arm. Nicht schlimm, er wird rasch mit Zellstoff abgewischt.
© Brigitte Voß
(Fortsetzung folgt)
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