♦ACHTUNDNEUNZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE♦
Eine Mitarbeiterin des Servicepersonals wischt den Schreibtisch unseres Hotelzimmers und schaut verstohlen auf das Foto, das darauf in der Ecke steht. Stets legen wir frische Blüten davor. Derzeit wird es von der Opfergabe geschmückt, die Rama’s Mutter angefertigt hatte. Schließlich fragt sie, ob der junge Mann auf dem Bild unser Sohn sei. Ich druckse herum, bevor ich ihr erzähle, dass er nicht mehr lebt und wie er sterben musste. Warum soll sie es nicht wissen? Allerdings ist ihr die Germanwings-Katastrophe kein Begriff. Doch sie versteht. Sie legt ihren Arm um meine Hüfte, läuft mit mir im Zimmer hin und her, entschuldigt sich für ihre Neugierde und spricht Worte des Mitgefühls. Sie sagt, es sei schlimm, das eigene Kind zu verlieren. Letztendlich erzählt sie mit Begeisterung von ihren beiden Jungs und endet mit der Feststellung: »Kaum sind sie am Morgen aufgestanden, wollen sie Geld von mir.« Sie lächelt, umarmt mich und geht. Verdutzt schaue ich ihr hinterher.
Wir begeben uns vor das Hotel. Heute ist es heißer als heiß und extrem schwül. Das Klima erweckt die Illusion, in einer Sauna zu sein.
Geoff hat einen Chauffeur organisiert, der uns sicher durch das chaotische Treiben auf Balis Verkehrswegen manövriert. Nur ein Beispiel: Vollkommen überladene Mopeds zirkeln auf einer spurlosen, schmalen Straße links und rechts im selben Moment an uns vorbei, kreuzen knapp vor uns, weil es auf der anderen Seite angeblich schneller vorangeht. Gleichzeitig kommt ein überholendes Fahrzeug entgegen. In Deutschland würde es zum mehrfachen Zusammenstoß kommen. Hier passiert nichts, da alle Beteiligten wie durch ein Wunder stets in der Lage sind auszuweichen.
Wir können keine Verkehrsregeln erkennen, Verkehrszeichen existieren kaum. Ein Taxifahrer meinte dazu: »Wir schauen uns in die Augen und wissen, was die anderen vorhaben.« In seiner Stimme schwang vollste Überzeugung mit. Wir sind froh, dass wir Geoffs Rat befolgt haben, auf einen Mietwagen zu verzichten und dafür einen Fahrer zu nehmen.
Das Ziel ist Kuta, ein ehemaliges Fischerdorf, das sich zu einem hektischen Urlauberparadies entwickelt hat. Dort treffen wir uns mit den australischen Freunden auf einem unbefestigten Parkplatz, auf dem teilweise das Grün sprießt. Wir umarmen uns freudig, unterhalten uns rege, während wir die Fahrbahn queren. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen wir plötzlich vor einem riesigen Monument.
Marlene weiß wie auch die anderen Bescheid. Sie erzählt von dem Terroranschlag, der sich im Oktober 2002 vor Ort ereignete, als Tag gibt das Denkmal den Zwölften an.
Wir erinnern uns.
Sie berichtet von zwei Anschlägen, die den Touristen vor allen Dingen den australischen galten. Kuta war und ist wieder wegen seines Strandes und der guten Bedingungen als Surfparadies beliebt.
Zunächst explodierte eine Bombe in Paddy’s Pub, an dessen Stelle sich jetzt das Monument, vor dem wir uns aufhalten, befindet. Ein Selbstmordattentäter trug sie in einem Rucksack. Die Verletzten strömten auf die Straße. Wenige Sekunden später detonierte auf der anderen Straßenseite ein zusätzlicher Sprengkörper, der sich in einem Auto vor dem Sari-Club befand. Die Diskothek wurde besonders gern von australischen Urlaubern aufgesucht. Gleichzeitig ging eine weitere Bombe vor dem amerikanischem Konsulat in der Inselhauptstadt Denpasar hoch, die benachbart von Kuta liegt. Sie richtete geringen Sachschaden an.
Die islamistischen Extremisten töteten 202 Menschen aus 23 Ländern, 88 kommen aus Australien, 38 aus Indonesien und 6 aus Deutschland. Über 200 wurden schwer verwundet.
Geoff gesellt sich zu uns. Er weist auf den Parkplatz (links vom obigen Foto), von dem wir gerade gekommen sind, und sagt: »Dort war die Diskothek.«
Ich bin erstaunt, nichts deutet darauf hin, weder eine Gedenktafel, noch ein Hinweis, einfach nichts. Was denken wohl die hinterbliebenen Familien darüber? Schließlich war der ehemalige Sari-Club das Hauptziel der Bombenattacken und forderte die meisten Toten. Wir parken auf blutiger Erde.
Auf der schwarzen Marmorwand lese ich die Namen der Opfer sowie die dazugehörigen Nationalitäten. Umrahmt wird sie von einem Bogen, wie man ihn in hinduistischen Tempelanlagen finden kann.
Mein Mann legt den Arm um mich. Eine persönliche Nachricht unterhalb der Namenstafel erweckt in mir tiefe Traurigkeit. »Happy Birthday Joey« steht auf dem Schild.
›Da hätte jemand Geburtstag gehabt, wäre er nicht ermordet worden!‹, geht es mir durch den Kopf. Und sofort ist die Verbindung da. In meiner Fantasie sehe ich die Angehörigen, wie sie angesichts der menschenverachtenden Tat fassungslos vor dem Denkmal stehen. Sie stellen den Geburtstagsgruß an ihre/n Joey auf und schauen den toten Erinnerungsgegenstand ununterbrochen an, als wäre er ein Magnet. Sie weinen … wir kennen das nur zu gut.
Wir reißen uns los, die Freunde warten.
Sie forschen: »Are you okey?«
© Brigitte Voß
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