04.02.2017, Sonnabend – die Opfergabe (Bali 2)

… Ich bin wie im Rausch. ›Gib es mir. Gib es mir. Gib es mir‹, flehe ich in Gedanken. Als hätte sie es verstanden, geht sie einen Schritt auf mich zu und drückt mir das Schälchen mit einer Gestik in die Hände, die beweist, dass sie es mir schenkt. Damit bringt sie mich vollkommen durcheinander. Das ist kein Zufall! Ahnt sie, dass ich eine verwundete Seele habe? Mir kommen die Tränen. Auch das noch! Fragende Blicke. Jetzt bin ich ihr und den anderen eine Erklärung schuldig und bitte Rama’s Frau, die gut Englisch spricht, meine Worte ins Balinesische zu übersetzen. Seine Mutter soll verstehen, welche Bedeutung das Offering für uns hat. Und so erzähle ich mit gedämpfter Stimme von Jens und dem Flugzeugabsturz. Und natürlich von dem Foto auf dem Schreibtisch im Hotel. Rama kommt hinzu. Nach wenigen Wortwechseln erinnern sie sich an die Katastrophe. Indonesien hat keine Opfer zu verzeichnen, Australien jedoch zwei (Carol und Greig Friday). Jetzt hat die Gruppe mitbekommen, was unserem Sohn zugestoßen ist, sie verstehen sofort. Sie fragen und wir antworten. Norbert und Marlene waren bisher die Einzigen, die davon wussten.
Weiter fahren wir in das Hotel, in dem die meisten der Freunde wohnen, um uns auszuruhen. Wir laufen einen schmalen Weg, an dessen Ende die Unterkunft von Marlene und Norbert liegt. Ich nehme den Sonnenhut ab und lege die Opfergabe hinein, damit sie perfekt geschützt ist. So denke ich jedenfalls. Mit beiden Händen umfasse ich den Hut und trage ihn vorsichtig vor mir her. Eine plötzlich auftauchende Windbö hebelt ihn heraus. Ich kann es beim besten Willen nicht verhindern. Er landet samt dem Offering in einem Reisfeld. Ich fluche auf deutsch und schlüpfe sofort aus meinen Flip-Flops, um ihn barfuß herauszuholen. Der Hut liegt mit der Öffnung nach oben, so wie ich ihn getragen habe. Der kostbare Inhalt befindet sich immer noch darin. Mich stoppen vehement die Freunde mit der merkwürdigen Begründung, ich könne doch nicht in den tiefen Schlamm gehen. Norbert hat eine bessere Idee. Er sprintet zur Rezeption und kommt mit einer Angestellten und einem teleskopartigen Stab zurück. Heroisch steigt er in die schlammige Brühe, beugt sich weit vor, während ihn mein Mann und Marlene stützen, damit er nicht das Gleichgewicht verliert und hineinstürzt. Welch Dramatik. Ihm gelingt es, die Opfergabe herauszufischen. Mir fällt ein Stein von Herzen. »You are my hero«, bekommt er für den Rest des Tages mehrfach von mir zu hören.
Marlene flüstert mir zu: »Das waren die bösen Mächte.«
Die Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse ist auf Bali allgegenwärtig: in der Religion, den alltäglichen Offerings, im Barong-Tanz, usw.
Glaubt sie das wirklich?
Sie zuckt mit den Schultern. »Es gibt mehr Dinge, als wir uns denken können«, sagt sie dazu.
Todmüde kommen wir spätabends in unser Hotel zurück. Freundlich werden wir vom Personal begrüßt. In der Unterkunft, die sich in einem Haus auf dem Dschungelgelände befindet, ist bereits wie jeden Abend das Licht angestellt und sind die Betten aufgeschlagen. Solch einen Service sind wir gar nicht gewohnt. Ich stelle die Opfergabe vor das Foto von Jens und bin außerordentlich zufrieden. Lange schaue ich ihm in die Augen.
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Anmerkung: Es ist bekannt, dass ich aus der Rückschau schreibe. Mittlerweile hat sich Schlimmes ereignet. Norbert feierte mit Familie und uns Freunden auf Bali am 02. Februar 2017 seinen 60. Geburtstag. Bereits im September des gleichen Jahres besuchten er und Marlene uns für drei Tage in Deutschland. Er erzählte, dass er einen Lebenstraum verwirklichen werde. Er wollte die Segelfliegerei erlernen und den Flugschein dazu erwerben. Eine reichliche Woche später erhielten wir von seiner Frau Marlene die erschütternde Nachricht von seinem Tod. Er stürzte am 19.09.2017 während einer Flugstunde in Australien ab. Norbert und der Fluglehrer waren sofort tot.

Rest in peace, Norbert.

© Brigitte Voß


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