04.02.2017, Sonnabend – die Opfergabe (Bali 1)

Vor einigen Tagen sind wir auf der Insel Bali gelandet, die bekanntlich zu Indonesien gehört. Das permanent bewölkte, kalte Deutschland haben wir weit hinter uns gelassen.
Dschungel und Reisfelder umzingeln die Hotelanlage, die sich außerhalb der Kleinstadt Ubud befindet. Trotz der Regenzeit scheint fast immer die Sonne und die Bäume zeigen sich in einem neugeborenen Grün. Meist regnet es nachts. Die Güsse sind kurz, jedoch heftig. Die Einheimischen begegnen uns mit herzlicher Freundlichkeit und suchen das Gespräch. Die exotische Umgebung, die fremde Kultur, aber auch, dass ich gefordert bin, auf das australische Englisch unserer Freunde mit seinen zahlreichen Slangs sowie auf den zunächst gewöhnungsbedürftigen englischen Akzent der Balinesen eingehen zu müssen, lenken enorm ab. Dabei ist es nicht so, dass ich das Schreckliche vergessen kann, dennoch sind die fremdartigen Einflüsse Wellness für die Psyche.
Im Rahmen der »Seelenrisse« habe ich nicht vor, einen Reisebericht abzugeben (vielleicht erfolgt das später in einem anderen Blog). Dafür werden Erlebnisse im Mittelpunkt stehen, die mich mit Jens berühren, denn die Trauer bleibt, sie gehört zu mir wie Körper und Seele.
Es ist extrem heiß, gefühlte 50 Grad Celsius. Die Sonne prasselt auf die Köpfe, wie wir es von Deutschland her nicht kennen. Hinzu kommt die hohe Luftfeuchtigkeit. Das Klima macht mir ausgeprägtem Nordlicht zu schaffen. Ich habe mir sogar einen Sonnenhut gekauft, obwohl ich Kopfbedeckungen hasse.
Wir sind eine Truppe von zwölf Personen. Heute haben wir bereits einen Wasserfall, verschiedene Tempel sowie den Indischen Ozean gesehen (und ich einen wunderschönen Schmetterling).
Auf der rechten Fahrerseite (Linksverkehr) sitzt Rama am Lenkrad, der altbewährte Chauffeur von Geoff. Letzterer fliegt mehrmals im Jahr von Australien nach Bali, weil es zu seiner zweiten Heimat geworden ist. Leider macht er aus dem nächsten Reiseziel ein fürchterliches Geheimnis, ebenso Rama, den wir vergebens mit Fragen löchern.
In Ubud biegen wir plötzlich von der Hauptstraße ab. Die Gassen werden enger, schließlich parken die Fahrzeuge vor einer Steinmauer, die von einem Tor unterbrochen wird. Rama bittet uns, sein Heim zu betreten, um den Vater, die Mutter und die Ehefrau kennenzulernen. Wir sind herzlich willkommen. Die Familie bereitet gerade eine Zeremonie vor, die dem alljährlichen Gedenken der verstorbenen Tante dient. Die Mutter ist für die Anfertigung der Opfergaben (Offerings) verantwortlich. Sie spielen in der balinesischen Kultur eine herausragende Rolle. Man sieht sie vorn auf den vorbeifahrenden Mopeds befestigt, in den Autos, sie schmücken die Hausaltäre oder sie liegen vor den Geschäften und man muss aufpassen, dass man sie beim Straßenbummel nicht aus Versehen zertritt. Bei den vielen Zeremonien dürfen sie nicht fehlen. Die kleinen Schälchen sind stets gefüllt mit bunten Blüten, hin und wieder entdeckt man Kekse sowie einzelne Reiskörner darauf. Sie finden sich praktisch überall. Der Reis dient der Besänftigung der bösen Mächte, die Blumen werden den guten Kräften dargebracht. Der Balinese bittet die Götter um einen glücklichen Tag, um Fruchtbarkeit oder um Hilfe bei der Lösung von Problemen. Sogar Gegenstände werden mit Opfergaben geehrt, da auch sie den Inselbewohnern heilig sind. Sie sprechen ihnen eine Seele zu. Die Hauptreligion Balis ist der Hinduismus. Darin spielt der Kampf zwischen Gut und Böse eine große Rolle.
Die Mutter von Rama führt uns vor, wie man die Gaben anfertigt. Sie verschlingt die Blätter von den Kokosbäumen mit geübter Hand zu einer kleinen Schale. Mit einem kräftigen Grashalm werden bestimmte Stellen zusammengeheftet. Dabei verwendet sie keine Nadel, sondern nur das starre Grasende. Hinein kommen rote Blüten und die weißen Franchipaniblüten, die auf der Insel allgegenwärtig sind. Wir stehen im Halbkreis und schauen ihr zu. Sie spricht nicht Englisch, geschweige denn Deutsch. Sie ist fertig, hält das Offering in die Runde. Die Knipsgeräusche der Handys oder Fotoapparate ertönen. Mir ist sofort klar, dass es vor das Foto von Jens gehört, das in unserem Hotelzimmer auf dem Schreibtisch steht.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)


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