24.01.2017, Dienstag – die Vergangenheit, das »Hier und Jetzt« und die Zukunft

♦SECHSUNDNEUNZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE♦
Die Weisheiten vom Leben im »Hier und Jetzt« fanden als Verfechterin des ZEN-Buddhismus stets mein Interesse. Stundenlang saß ich in der Gruppe mit dem Gesicht zur Wand, die Augen geöffnet, um zu meditieren. Ich lenkte die volle Aufmerksamkeit auf Atmung sowie Haltung und versuchte im Sinne von »Alles ist Nichts« im »Hier und Jetzt« anzukommen. Eine spezielle Achtsamkeit spielt dabei eine Rolle. Man darf sie nicht vorher wollen, sie sich nicht bewusst vornehmen, indem man sagt: ›Jetzt muss ich mich konzentrieren‹, denn in dem Fall steht der Gedanke dazwischen und stört. Die pure Konzentration ist dahin. Schalte ich beispielsweise den Computer aus, bin ich ganz »Ausschalten«, ohne im Vorfeld darüber zu reflektieren. Der Verstand bleibt außen vor. Es ist eine vollständige und reine Versenkung in die Handlung. Soweit die Theorie, der ich viele Jahre lang nachstrebte. Selbstverständlich haben Vergangenheit und Zukunft darin keinen Platz. Sie sind Ballast.
Seit der Katastrophe haben die Kategorien Vergangenheit, »Hier und Jetzt« und Zukunft eine Wert- und Bedeutungsverschiebung erfahren. Ich interpretiere das »Hier und Jetzt« in einer anderen Weise: Meine Enkelin schlägt zum Beispiel vor, »Schlafen« zu spielen. Endlich hat sie mehrere Decken und Couchkissen auf dem Fußboden verteilt. Wir legen uns darauf. Sie kneift die Augen zusammen. Ich sage: »Träume was Schönes«.
»Ja.«
Sofort schiebe ich nach und möchte wissen: »Wovon wollen wir träumen?«
»Vom Onkel Jens.«
Ein wunderbares Thema. Ich versuche, den Augenblick in die Länge zu ziehen, um ihn bewusst zu genießen. Das ist nicht das »Hier und Jetzt« im Sinne des ZEN. Mir gefällt, was sie sagt, ich denke darüber nach und forsche: »Was träumst du denn vom Onkel Jens?«
»Er ist im Himmel.«
Ich bin gerührt und wünsche, mit ihr für alle Ewigkeiten auf dem Teppich zu liegen, damit wir uns gegenseitig erzählen können, was wir gerade von Jens träumen.
Ich habe Angst, dass irgendetwas passieren könnte und Sassa plötzlich verschwindet. Jedes schöne Ereignis möchte ich am liebsten für immer festhalten, und das nicht nur in Gedanken. Das Leben hat mir die Lektion erteilt, dass eine nie geahnte Wende zum Schlechten möglich ist.
In der besseren Zeitrechnung fiel es mir leicht, die Vergangenheit zu ignorieren. Warum sich erinnern, wenn es vorbei ist und vielleicht gar belastet? Aber jetzt zählt sie mehr denn je. Ich lebe in den früheren Erlebnissen mit Jens. Sie zu vergessen, wäre schlimm, trotzdem sie quälen und schmerzen. Würde ich das Vergangene auslöschen, gäbe es keine Erinnerung und er müsste ein zweites Mal sterben.
Mit trauriger Freude betrachte ich das Tattoo auf dem Unterarm, das mich von nun an begleiten wird. Die frische Wunde heilt gut, der Schorf fällt langsam ab. Ich lese in der Unendlichkeitsschleife seinen Namen und denke an ihn, wie es war, als … Die Wehmut wird unerträglich. Es ist schwer, ohne ihn weiterzuleben und Formen des Erinnerns zu finden, die nicht erneut ins Bodenlose ziehen. Das Schreiben tut mir gut. Es dient der Verarbeitung all des Schrecklichen, das bereits in der Vergangenheit liegt, und dem Gedenken an Jens. Manchmal möchte ich nur an meinen Blog arbeiten und empfinde sämtliche Einflüsse der Außenwelt als außerordentlich störend. Das richtige Maß stellt sich nicht ein. Ich vermag es nicht ändern. Es lebe die Vergangenheit!
Der Zukunft war ich stets zugewandt. Ich habe mir vorgestellt, Kinder zu haben und wie es sein würde, wenn ich als Rentnerin endlich Zeit hätte, um all die schönen Dinge zu tun, die das Berufsleben verhindert. Seit dem Tod von Jens ist der Blick in die Zukunft zu einem Truggebilde mutiert, sie ist Schall und Rauch. Wir planen nur noch nötige Erfordernisse. Jeden Moment könnte ein Anruf kommen, der …
So ist die Reise nach Bali bis heute nicht in unseren Köpfen angekommen, obwohl wir nächsten Montag abfliegen. Zwar haben wir auf Hinweis meiner Freundin weite, luftige Kleidung gekauft, die für das tropische Klima geeignet sein soll, das ist aber auch alles. Die Buchung des Hotels und der Flüge haben wir dem Reisebüro überlassen. Was uns erwarten wird, wissen wir nicht.
Die offizielle Planung des zweiten Jahresgedenkens im März ist bereits im vollen Gang. Dem können und wollen wir uns nicht verschließen, wenngleich uns die vorgesehene Präsentation des zentralen Gedenkelementes in den französischen Alpen weniger interessiert.
Das Stoffsäckchen, das mit Erinnerungsgegenständen an Jens befüllt werden soll, ist in den letzten Tagen eingetroffen. Es wird in Le Vernet in die für ihn handgedrechselte Holzkugel gelegt. Letztendlich wird sie zusammen mit den Kugeln für die anderen Opfer im Inneren des Denkmals aufbewahrt, das an der Absturzstelle errichtet wird. (Siehe 12.11.2016, Sonnabend – Angehörigentreffen der Lufthansa in Düsseldorf (1).) Der Gedanke, dass auf diese Weise etwas von Jens für die Nachwelt, und das direkt am Ort der Katastrophe, erhalten bleibt, versöhnt uns ein bisschen mit dem Monument aus Gold.
Wir diskutieren eifrig, welche persönlichen Erinnerungen an ihn wir auswählen wollen. Wir planen für eine Zukunft, die der Vergangenheit gehört.
© Brigitte Voß


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