Enkelin Sassa interessiert sich zunehmend für Märchen. Sie liebt es, die bunten Illustrationen des Pappbuches anzuschauen, während ich ihr vorlese. Auch wenn der Text der Gebrüder Grimm in dieser Ausgabe für die Kleineren etwas aufbereitet wurde, kommen sie nicht an gewissen Grausamkeiten vorbei.
Im »Rotkäppchen« frisst der Wolf zuerst die Titelfigur und danach die Großmutter. Sie werden zwar wieder befreit, doch die Vorgänge sind im Grunde genommen teuflisch.
In der Geschichte von »Hänsel und Gretel« setzen die Eltern ihre Kinder mit dem Wissen, dass sie sterben werden, im Wald aus. Eine Hexe, die sie in ihr Haus lockt, sperrt zunächst den Hänsel in einen Käfig, um ihn zu mästen, damit sie ihn später verspeisen kann. Der Gretel droht das gleiche Schicksal. Sie weiß das Vorhaben des bösartigen Weibs zu verhindern. Kurzerhand schiebt sie sie in den Ofen, wo sie gar »grauselig« verbrennt. Die Geschwister finden den Weg zurück nach Hause. Allerdings empfängt sie nur der Papa, die Mama ist vor Kummer gestorben.
Im »Schneewittchen« versucht die Mutter/Stiefmutter (es existieren beide Varianten), ihre Tochter töten zu lassen und möchte ihre Lunge und Leber essen. Ohne es zu ahnen, bekommt sie die eines Tieres vorgesetzt, denn der Auftragskiller, ein Jäger, hat das junge Mädchen aus Mitleid im Wald ausgesetzt. Die Mutter/Stiefmutter befragt ihren Zauberspiegel und erfährt den Aufenthaltsort des für sie wider Erwarten lebendigen Schneewittchens. Nach zwei vergeblichen Mordversuchen (Luftabschnüren, vergifteter Kamm) schafft sie es scheinbar, ihre Tochter mit einem vergifteten Apfel umzubringen. Die Sargträger stürzen, sie erbricht das Apfelstück und entsteigt dem Sarg. Die böse Mutter/Stiefmutter muss zur Strafe solange in glühenden Eisenpantoffeln tanzen, bis sie tot umfällt.
Ich mag noch immer diese Märchen. Als Kind nahm ich das Grauenvolle darin nicht so wahr wie jetzt als Oma. Wie die Kleinen das verarbeiten, weiß ich nicht. Doch habe ich bisher niemanden gesprochen, der von der Lektüre psychischen Schaden erlitten hat.
Literatur oder Filme, die sich mit dem Tod, dem Töten und Morden beschäftigen, helfen mir offensichtlich bei der Trauerverarbeitung. Sie sind der entspannendere Teil der Auseinandersetzung. (Ich bin sicher, dass nicht alle Hinterbliebenen so denken.) Daher frische ich meine Märchenkenntnisse auf und lese im Gesamtwerk der Gebrüder Grimm die vermutlich für den Erwachsenen bestimmten, unbekannteren Werke. Teilweise berichten sie von brutalen Bluttaten: Eine Mutter hackt versehentlich den Kopf ihrer vermeintlichen Stieftochter ab, sie muss jedoch erkennen, dass es die eigene Tochter ist (»Der liebste Roland«). Die weiteren Seiten erzählen von Serienmorden, verbunden mit Kannibalismus (»Blaubart«, »Der Räuberbräutigam«). In der Geschichte »Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben« schlachten sich Kinder. Das »Eigensinnige Kind« allerdings verfolgt mich in Gedanken. Wer will, kann unter oben angezeigtem Link nachlesen.
Märchen, die einen Massenmord zum Thema haben, sind offensichtlich seltener. Ich finde nur zwei Beispiele. In »Alibaba und die vierzig Räuber« (aus »Tausendundeine Nacht«) schüttet eine Sklavin »… , obwohl sie deswegen schwere Gewissensbisse hat, heißes Öl in die Krüge und tötet auf diese Weise einen Räuber nach dem anderen.« Vierzig Bösewichte haben sich darin versteckt, um zum passenden Zeitpunkt eine Familie auszulöschen.
Die Gebrüder Grimm beschreiben in der Sagensammlung von 1816 im »Der Rattenfänger von Hameln« den vermutlichen Massenmord an 130 Kindern. Niemand weiß, ob die Sage der Realität oder der Vorstellungskraft eines Schriftstellers entspringt. Zumindest forschen Wissenschaftler bis jetzt vergebens. Weil der Rattenfänger nicht wie versprochen von der Stadt entlohnt wird, lockt er die Kinder mit einer Flöte hinter sich her, bis sie von einem Berg verschluckt werden. Die genauen Hintergründe ihres Verschwindens sind nie geklärt worden …
Vor einigen dieser Geschichten erblasst selbst der Einfallsreichtum von Stephen King. Er und weitere Autoren, aus deren Federn der Horror und der Thrill fließen, interessieren mich seit dem gewaltsamen Tod von Jens mehr denn je. Ich verschlinge, was mir in die Hände kommt. Ich weiß, dass ich damit bei manchen Mitmenschen auf Unverständnis stoße und hinterfrage daher, was mich anspornt, solches zu lesen. Es gibt doch ebenso gefühlvolle, lustige, romantische Literatur, die das Gute in den Vordergrund rückt und das Böse höchstens am Rande erscheinen lässt. Wäre das nicht besser in meiner Situation? Balsam für die Seele? Trotzdem muss man mir derlei Lektüre regelrecht aufschwatzen.
Durch das Schreiben des Beitrages bin ich selbst neugierig geworden, was wohl die Ursachen dafür sein könnten.
→ Aggressionsabbau? Psychologen würden das wahrscheinlich behaupten.
→ Vielleicht ist es auch so: Das Schlechte lauert im Menschen, egal wo er auf der Welt zu Hause ist. Das sparen der Thrill und der Horror nicht aus. Sie spiegeln die Realität wider und damit den ewigen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen. Beide Kontrahenten sind sowohl in der Wirklichkeit als auch in der Fantasie mächtige Energien. Besonders Märchen faszinieren durch ihre zauberhaften Momente, die allerdings vom Bösen bedroht werden. Dieses Kräftemessen erzeugt Spannung sowie Nervenkitzel, was mich fesselt. Im Gegensatz zum Weltgeschehen siegt meist das Positive.
→ Könnte eine Begründung nicht darin liegen, dass ich den freien Willen habe, jederzeit die Lektüre abzubrechen, um dem Fürchterlichen, sollte es zu übermächtig werden, zu entfliehen, um das Schreckliche als nicht geschehen zu betrachten? In der Welt der Fantasie kann ich das Böse kontrollieren, in der Realität nicht. Dem gewaltsamen Tod von Jens bin ich hilflos ausgeliefert, ich konnte ihn nicht verhindern. Wo ist das Buch, das ich einfach zuklappe, um den Flugzeugabsturz auszulöschen?
→ Der Tod spielt in vielen Horrorgeschichten eine besondere Rolle. Die Auseinandersetzung mit ihm hilft mir. Wozu ist er da? Was wäre ohne ihn? Ist er gar nützlich? Gibt es ein Leben danach? Wie sieht es aus? Existiert Jens weiter? In welcher Daseinsform? Warum töten Menschen Menschen? Unser Sohn ist tot. Niemand hatte damit gerechnet. Die Endlichkeit des Daseins wird vor Augen geführt. Soll man sich auf den Tod vorbereiten? Wie lebe ich, gestalte ich den Alltag? Ich muss mich entscheiden, möchte ich blind vor Trauer die Zukunft in lähmender Starre verbringen oder sie bewusst beeinflussen? Und, und, und …
Zum guten Schluss lasse ich den Altmeister des Horrors Stephen King zu Wort kommen. Im Prolog seiner Kurzgeschichte »Achterbahn« schreibt er treffend:
»… sie [die Geschichte] ist ein Versuch, darüber zu sprechen, was der nahende Tod meiner Mutter in mir auslöste. Im Leben der meisten Menschen kommt einmal die Zeit, da man sich dem Tod geliebter Menschen stellen muss… und damit auch der eigenen Sterblichkeit. Das ist wahrscheinlich das Thema der Horrorliteratur schlechthin: Unser Bedürfnis, mit einem Mysterium fertig zu werden, das sich nur mit Hilfe der Fantasie ergründen lässt.«
© Brigitte Voß
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