Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert eine Depression wie folgt:
»Eine Depression ist eine weit verbreitete psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann.
Sie kann über längere Zeit oder wiederkehrend auftreten und die Fähigkeit einer Person zu arbeiten, zu lernen oder einfach zu leben beeinträchtigen. Im schlimmsten Fall kann eine Depression zum Suizid führen. Milde Formen können ohne Medikamente behandelt werden, mittlere bis schwere Fälle müssen jedoch medikamentös bzw. durch professionelle Gesprächstherapie behandelt werden.«
In einem Chat lese ich von der Befürchtung eines Teilnehmers, der an Depression erkrankt ist, dass er sich zunehmend rechtfertigen müsse, kein potenzieller Gewalttäter zu sein. Er fühle sich nach Terroranschlägen, mehr noch, seit dem Absturz der Germanwings-Maschine oft genötigt zu erklären, dass nicht jeder, der depressiv ist, zum Massenmörder wird. Er schreibt von einem Stigma, dass die Gesellschaft, nach wie vor über psychisch labile Menschen verhänge, und klagt die Medien an, die durch ihre reißerischen Schlagzeilen und schlecht recherchierten Beiträge, diesbezügliche Vorurteile und Ängste schüren.
Ich werde nachdenklich, denn für mich war das nie ein Thema. Umso bedauerlicher ist es, wenn die Germanwingskatastrophe das Leben derart betroffener Personen erschwert, sodass sie sich eventuell zurückziehen, mit niemandem über ihre Störung reden wollen und sich damit jeglicher Behandlung entziehen.
Depressionen sind weit verbreitet und können jeden von uns treffen. Eine Katastrophe kann von einer Sekunde zur anderen den Grundstein legen, dass sich aus einem sonnigen Gemüt ein seelisch gebrochenes entwickelt.
Zwei Mitarbeiter/innen haben im Verlauf meines Berufslebens offen von ihrem depressiven Zustand gesprochen. Zu keinem Zeitpunkt bin ich auf den Gedanken gekommen, sie zu meiden, weil ich durch ihre Hand sterben könnte. Auch nach dem gewaltsamen Tod von Jens stehe ich immer noch dazu und bin überzeugt, dass diese Mitmenschen nicht gewaltbereiter sind als der Rest der Bevölkerung. Sie bringen höchstens sich selbst um.
Mit einer Kollegin stand ich in einem freundschaftlichen Verhältnis. Sie sprach mit mir von ihren Ängsten, schließlich von ihren Selbstmordgedanken. Auslöser in ihrem Umfeld gab es genug. Sie fühlte sich immerzu schuldig. Doch niemals dachte sie daran, ihre Wegbegleiter oder gar fremde Personen zu töten.
Wir diskutierten über ihre schreckliche Absicht, letztendlich konnte ich den Selbstmord nicht verhindern. »Brigitte, ich will einfach nur sterben«, dieser Satz und meine Selbstvorwürfe bleiben. Leider waren die psychiatrischen Experten, die sie zunächst stationär, später ambulant behandelten, auch nicht erfolgreicher.
Es liegt für viele nahe, bei Andreas Lubitz von einem sogenannten erweiterten Suizid zu sprechen, denn er hat die Insassen des Flugzeuges mit sich in den Tod gerissen. Jedoch werden bei einem erweiterten Suizid nur Menschen getötet, die der Täter kennt, meist sind es Familienmitglieder. Er ist überzeugt, dass mit seinem und ihrem Tod die Probleme für alle gelöst sind.
Der Copilot des Airbusses hatte dagegen zu den Passagieren und zur Crew keine persönliche enge Beziehung. Und trotzdem tötete er sich und die ihm Anvertrauten.
Aus all dem Genannten geht hervor, dass wohl anderweitige Faktoren eine Rolle gespielt haben müssen.
Im Abschlussbericht der französischen Untersuchungsbehörde BEA heißt es unter anderem:
»Am Tag des Unfalls litt der Copilot noch immer an einer psychiatrischen Störung, die
wahrscheinlich eine psychotisch depressive Episode war und nahm psychotropische
Medikamente ein. Dies machte ihn fluguntauglich.«
(Erwiesen ist auch, dass er im Dezember 2014 mehrere Ärzte aufsuchte, weil er Sehstörungen und Schlafprobleme hatte.)
Wie kam es dazu, dass er trotz der erheblichen gesundheitlichen Probleme und der damit verbundenen Einnahme von Antidepressiva und Schlafmitteln überhaupt in ein Cockpit gelangen durfte? Wieso hat das niemand verhindert? Weiter lese ich in der Zusammenfassung:
»Das flugmedizinische Zulassungsverfahren von Piloten, insbesondere die Selbstanzeige im Falle einer Einschränkung der medizinischen Tauglichkeit zwischen zwei periodischen medizinischen Untersuchungen, hat den Copiloten nicht daran gehindert, die Rechte seiner Lizenz zum Führen eines Luftfahrzeuges auszuüben, obwohl er an einer psychischen Störung mit psychotischen Symptomen litt.«
Andreas Lubitz waren seine seelischen und körperliche Beeinträchtigungen sehr wohl bekannt, so auch die daraus resultierende Verpflichtung, sie dem flugmedizinischen Dienst anzuzeigen. Dass er es nicht tat, dass er den Arbeitgeber nicht über seine Krankschreibung, die sich über den 24. März 2015 erstreckte, informierte, sie gar vernichtete, und er trotz der hohen Verantwortung weiterhin Passagiermaschinen flog, zeugt für mich von verbrecherischen Energien. Sie gipfelten im Tod der 149 Menschen, die sich an Bord des A 320 befanden. Ihr Leben war ihm offensichtlich egal.
Die BEA stellt fest:
»Die Kollision mit dem Boden wurde durch eine bewusste und geplante Handlung des Copiloten verursacht, der entschieden hatte Suizid zu begehen, während er alleine im Cockpit war.«
© Brigitte Voß
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