24.11.2016, Donnerstag – ein dunkler Tag mit grauem Ausgang

Der Rechtsanwalt teilt uns mit, dass der für die Ermittlungen zuständige Düsseldorfer Staatsanwalt Herr Kumpa darauf hinarbeite, die Akten im Fall Germanwings zu schließen. Er meint, es sei unwahrscheinlich, dass solch schwerwiegende Entscheidung von nur einer Person gefällt werden würde, und vermutet einen politischen Hintergrund. Wer könnte derartige Anweisungen geben? Der Justizminister von NRW? Oder befindet sich der dafür Verantwortliche gar in einer höheren Position?
Ich bin fassungslos. Das Verfahren einstellen? Die strafrechtlichen Analyseschriften mit den Beweisanträgen, die das Juristenteam im September der Staatsanwaltschaft übermittelt hat, müssten doch erst einmal durchgearbeitet werden. Das dürfte dauern. Ich bin überzeugt, dass die Untersuchungen daraufhin fortgesetzt werden, denn bis jetzt sind viele Fragen ungeklärt.
Zusätzlich erfahren wir, dass bezüglich der Klage in den USA immer noch keine Entscheidung gefallen ist. Das dortige Gericht befasst sich weiterhin mit deren Zulässigkeit. Es wird angedeutet, dass sich die Angelegenheit hinziehen könnte.
Die Piloten der Lufthansa streiken erneut. Wir sind betroffen und das im doppelten Sinne. Die Notfallseelsorger von Düsseldorf haben seit langer Hand geplant, mit uns Hinterbliebenen nach Barcelona zu fliegen. Es sollen Begegnungen mit spanischen Gleichgesinnten stattfinden, aber auch individuell betreute Besuche von Erinnerungsorten, die für uns im Zusammenhang mit dem Flugzeugabsturz von Bedeutung sind.
Uns beunruhigt die Ankündigung der Fluggesellschaft, dass wegen der Arbeitsniederlegungen 830 Kurz- und Langstreckenflüge abgesagt werden müssen. Die Leidtragenden sind 100 Tausend Passagiere. Der Tarifkonflikt schwelt, angetrieben durch zahlreiche Streikeruptionen, bereits seit Ende 2014. Das Management zeigt keinerlei Bereitschaft, den Gehaltsforderungen zu entsprechen.
Wir haben die Tickets für die Reise nach Barcelona mit einer Linie der Lufthansa gebucht. Kurzentschlossen fahren wir zum Flugplatz, um im Falle der Notwendigkeit einen Alternativflug zu ergattern. Die Schalterangestellte teilt uns mit einstudiertem Lächeln mit, dass der Flug gestrichen sei und ein Ersatz nicht existiere. Es bleibe uns nur die Möglichkeit zu annullieren. Die Kosten würden wir von der Airline ersetzt bekommen.
Ich bin deprimiert. Erst nimmt uns die Fluggesellschaft den Sohn, indem sie ungeeignete Personen Passagiermaschinen fliegen lässt, und jetzt können wir wegen des Streiks nicht nach Barcelona, wo Jens einen letzten Abschnitt seiner Lebenszeit verbrachte. Mit diesem Gedanken im Hintergrund ergreift die Schwermut mit geballter Wucht von mir Besitz.
Eine Nachricht der Lufthansa/Germanwings informiert uns, dass sich fast alle spanischen Angehörigen bei einem Treffen mit Vertretern der Fluglinie in Barcelona im Gegensatz zu den deutschen Familien für ein Vorlesen der Opfernamen zum zweiten Jahresgedenken in Südfrankreich ausgesprochen haben. Ihre Begründung: Obgleich es erheblich schmerzt, würde es ihnen helfen, das Unbegreifliche wenigstens zu einem Teil zu verstehen. Für sie ist es wie für meinen Mann und mich ein grundlegendes Bedürfnis, dass die Namen der Opfer laut benannt werden. Unsere Gründe hierfür habe ich im vorhergehenden Beitrag beschrieben (12.11.2016, Sonnabend – Angehörigentreffen der Lufthansa in Düsseldorf (2).
Da der Wunsch von den Spaniern vehement und mit Nachdruck vorgetragen wurde, haben die Organisatoren nach reiflicher Überlegung entschieden, die Namen öffentlich zu verlesen. Sie hoffen auf Verständnis der deutschen Angehörigen.
Obwohl auch das eine dunkle Entscheidung ist, da sie mit dem Tod von Jens zusammenhängt, atme ich auf. Ansonsten ist für den Rest des Tages nichts mehr mit mir anzufangen.
© Brigitte Voß


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