Als nächstes Thema steht auf der Tagesordnung die Planung des zweiten Gedenktages an die Katastrophe. Lufthansa plant Sonderflüge am 23.03.2017 von Düsseldorf und Barcelona nach Marseille. Angedacht ist, dass die Familien in den Hotels in Aix-en-Provence untergebracht werden. Am Folgetag, dem Tag des Erinnerns an das fürchterliche Ereignis, findet in Digne ein christlich-ökumenischer Gottesdienst in Erinnerung an die Absturzopfer statt. Annette Kurschus, Präses der evangelischen Kirche, hat bereits zugesagt, die Andacht zu leiten. Sie war schon letztes Jahr mit dabei. Vertreter anderer Glaubensrichtungen werden ebenfalls daran teilnehmen.
Ich finde es störend, dass die Religion derart vordergründig ist. Wäre es nicht angebrachter, eine neutrale Veranstaltung zu organisieren, auch in Anbetracht der ausländischen Angehörigen? Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Mehrheit der hier Anwesenden zutiefst christlich ist. Der überwiegende Teil der Deutschen stammt aus den westlichen Bundesländern. Ich, als atheistisches Kind der DDR, würde im Falle eines Widerspruchs mit Sicherheit den Kürzeren ziehen. Solcherart Feiern sind zumeist religiös geprägt.
Musikwünsche werden besprochen, ebenso die öffentliche Nennung der Namen der Opfer. Ich erinnere mich noch gut an das Gedenken im vergangenen Jahr. Es war äußerst hart, den Namen von Jens unter den vorgelesenen Toten zu hören. Trotzdem möchte ich, dass er laut genannt wird. Sein Leben war wertvoll, es war nicht irgendetwas. Das Unrecht muss benannt werden und da gehört der Name des Verstorbenen dazu. Eine optische Anzeige oder gar ein Nichtnennen, wie es hier diskutiert wird, ist für mich nicht akzeptabel. In wenigen Tagen findet ein analoges Treffen der Angehörigen in Barcelona statt. Wie denken die Spanier darüber?
Am Nachmittag des 24.03. wird den Familien die Gelegenheit gegeben, nach Le Vernet zu fahren. Im Mittelpunkt sollen die Präsentation des zentralen Gedenkelements und das Befüllen der Holzkugeln mit den persönlichen Erinnerungsstücken stehen.
Für den Folgetag ist die offizielle Heimreise geplant.
Mein Mann und ich streben allerdings an, bereits einige Tage vor der Gedenkfeier anzureisen und in der Ferienwohnung in Le Vernet, die wir gut kennen, zu übernachten. Wir werden sie bald anmieten. Hoffentlich klappt das. Wir wollen das Gedenken in Ruhe begehen.
Nächster Diskussionspunkt ist der sogenannte Begegnungsraum. Hinterbliebene haben den Wunsch geäußert, sich in den französischen Bergen in einen geschützten Raum zurückziehen zu können, um sich fern der Öffentlichkeit mit Gleichgesinnten zu treffen. Hierfür wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, die die Idee weiterentwickelte. Das Zimmer soll in dem Gebäudekomplex neben der Stele eingerichtet werden. Es wird diskutiert, ob die vorgesehene IT-Plattform zur Kontaktaufnahme mit abwesenden Angehörigen überhaupt notwendig ist. Ob mit oder ohne IT, wir sehen die Sache pragmatisch. Der Raum wird mit bequemen Möbeln ausgestattet, und so können wir es uns hoffentlich auf einer Couch, vielleicht auch in Sesseln gemütlich machen, wenn wir in der Domaine du Vernet, dem Hotel des Bergdorfes übernachten. Es ist ein Angebot, welches wir nutzen können, aber nicht müssen.
Damit sind wir am Ende der Veranstaltung angelangt. Allerdings haben wir noch etwas vor. Wir werden das erste Mal die Übersetzerinnen meines Blogs persönlich kennenlernen. In der Lobby des Hotels haben wir uns verabredet. Ich bin nervös. Sie kommen. Die Aufregung legt sich sofort, als wir uns begrüßen. Ich spüre, dass wir miteinander können, die Chemie stimmt auf Anhieb. Vier Kulturen sitzen am Tisch eines Restaurants und unterhalten sich über mehrere Stunden lebhaft. Ziemlich spät verabschieden wir uns.
© Brigitte Voß
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