12.11.2016, Sonnabend – Angehörigentreffen der Lufthansa in Düsseldorf (1)

Wieder einmal fliegen wir über München nach Düsseldorf, da die Lufthansa zu einem Angehörigentreffen einlädt. Die geplanten Themen sind: das Gedenkelement, die Begegnungsstätte in Le Vernet und die Vorbereitung des zweiten Jahrestages.
Das Treffen findet im Hotel Maritim unter internationaler Beteiligung statt. Anwesend sind Angehörige beispielsweise aus Argentinien, Spanien, Großbritannien, Iran sowie die entsprechenden Simultanübersetzer. Kopfhörer und Geräte, um die jewelige Sprache auszuwählen, finden wir auf den Stühlen vor.
Man kennt sich und begrüßt sich. Der Saal ist gut gefüllt.
Die Veranstaltung beginnt.
Zum Denkmal: Wir wissen es bereits seit wenigen Tagen, die Goldene Kugel hat, wie ich befürchtete, das Rennen gewonnen. Die Familien hatten die Möglichkeit, über die von einer Jury vorab ermittelten drei Favoriten abzustimmen (siehe 28.10.2016, Freitag – Vorauswahl des Denkmals). Laut Aussage habe sich die weitaus größere Mehrheit für die »Sonnenkugel« von Jürgen Batschneider entschieden. Leider konnte mir niemand sagen, wie viele Hinterbliebene überhaupt an der Abstimmung teilgenommen haben.
Der Künstler selbst ist anwesend, um das Konzept des zentralen Gedenkelementes zu erläutern und Fragen zu beantworten. Er hat dessen Symbolik und Zweck sowie sämtliche Schritte der Herstellung perfekt durchdacht und bringt seine Ausführungen in freundlicher, bescheidener Form zum Ausdruck. Er wirkt zart und sensibel. Die Haare kringeln sich in krausen Locken nach allen Seiten. Ein sympathischer Mensch. Das Denkmal wird aus 149 individuell geformten vergoldeten Aluminiumplatten zu einer Kugel mit einer durchbrochenen Oberfläche zusammengefügt. Sie wird an der Absturzstelle stehen. Da es auf unbestimmte Dauer offiziell verboten ist, die Unglücksstelle zu betreten, wurde sie so dimensioniert (Durchmesser 5 m), dass man sie von Weitem sehen kann. Dafür hat er für die Aussichtsplattform, die sich auf dem Weg zum Ort des Dramas befindet, ein sogenanntes Sonnenportal konzipiert. Das ist nichts anderes als ein sechs Meter hohes Tor aus Corten-Stahl, einem wetterfesten Stahl, der anrostet, aber nicht verrostet.  Es rahmt die Sonnenkugel, die in der Ferne leuchten wird, ein. Gemäß den Erklärungen des Künstlers symbolisiere es die Verbindung zu zwei Welten.
Das Denkmal soll uns Angehörigen am zweiten Jahrestag der Katastrophe aus nächster Nähe in Le Vernet präsentiert werden.
Im Inneren der Kugel steht ein kristallförmiger Behälter aus Edelstahl, der 149 Holzkugeln fassen wird, die in Irland in Handarbeit hergestellt werden sollen. Ihr Innendurchmesser beträgt 22 cm. Wir können sie mit Erinnerungsstücken an unsere Lieben füllen. Sie bietet genügend Raum. Es ist geplant, uns Seidensäckchen zuzuschicken, in die wir die persönlichen Gegenstände legen, bevor sie in die entsprechende Holzkugel gelangen. Was für ein Holz zur Anwendung kommt, wird anhand des Geburtsdatums des Verstorbenen mithilfe eines keltischen Baumkalenders ermittelt. Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt. Sollten wir eine andere Holzart bevorzugen, so ist auch das möglich. Allerdings ist die Befülltechnik des stählernen Kristalls mit den Erinnerungskugeln ein Kapitel für sich und wohl noch nicht ausgereift.
Spanisch sprechende Teilnehmer melden sich zu Wort und sprechen sich gegen ein Denkmal aus. Man solle Natur Natur sein lassen. Das Klatschen, das dem Wortbeitrag folgt, ist nicht unerheblich. Und überhaupt, es habe keinerlei Abstimmung gegeben, ob man ein zentrales Gedenkelement wünsche. »Wir haben schon so viele Gedenkstätten«, argumentiert ein Hinterbliebener aus Haltern. Interessiert verfolgen mein Mann und ich das Geschehen, fühlten wir uns doch in dem Kreis, in dem wir uns gewöhnlich bewegen, mit unserer Antihaltung allein und sind sogar auf erheblichen Widerstand gestoßen.
Die Vertreterin der Lufthansa gibt zu Bedenken, dass eine überwiegende Mehrheit sich für die Sonnenkugel entschieden hätte.
Ich zweifle, ob ich mich am Ort der Katastrophe noch mit Jens treffen kann, denn das goldene Denkmal mit den riesigen Dimensionen wird vieles verändern.
Ich bin erleichtert, dass dem Künstler nahegelegt wurde, auf die Beleuchtung der Kugel mit LED-Lampen bei Nacht zu verzichten. Mir stehen die Haare zu Berge. Disneyland, Katastrophentourismus in der erhabenen Natur! Nein, ich mag das alles nicht. Was denken die Einheimischen von Le Vernet darüber? Ich möchte da oben mit Jens allein sein, auch wenn es verboten ist, diesen Ort zu betreten.
Vielleicht finde ich meinen Frieden damit, dass mir die Idee mit den Holzkugeln, die mit persönlichen Erinnerungsstücken an unsere Lieben befüllt werden, ausnehmend gut gefällt.
Es folgt eine Pause.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)


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