Wir stehen vor der Löwenanlage im Leipziger Zoo. Auf dieser Freianlage sind keine Tiere zu sehen, sondern jede Menge Bauarbeiter. Ende September überwanden die zwei noch jungen Löwen Majo und Motshegetsi den mit Wasser gefüllten Schutzgraben. Einer der beiden Kater ist jetzt tot. Motshegetsi wurde nach drei missglückten Narkoseversuchen erschossen. Er befand sich in einer außerordentlichen Stresssituation und durchbrach eine Absperrung, woraufhin er zum Schutz von Menschenleben mit einem Schuss niedergestreckt wurde. Als die Tiere ausbrachen, war der Zoo noch geschlossen.
Ich kann nicht beurteilen, ob es nicht eine andere Lösung gegeben hätte, möchte jedoch die Mitarbeiter des Zoos verteidigen, da ich weiß, sie kümmern sich liebevoll um ihre Zöglinge und gehen geduldig auf ihre Psyche ein.
Seitdem läuft in meinem Kopf ein Gedankensturm zu den Themen Mord und Töten ab. Menschen töten Tiere, Tiere töten Menschen, Menschen töten Menschen und Tiere töten manchmal ihre eigene Art.
Es wird getötet, aber wann spricht man von Mord?
Wir haben die Macht, Tiere umzubringen, wie im genannten Beispiel zu unserem Schutz. Die Bezeichnung Mord ist nicht angebracht.
Personen, die Tiere töten, werden im öffentlichen Sprachgebrauch nicht als Mörder bezeichnet. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie Höllenängste ausstehen mussten, ob sie vor ihrem Tod gequält oder ihr Leben aus purem Spaß ausgelöscht wurde.
Oft empfinde ich das zweifelhaft, denn ich weiß, dass Tiere ausgeprägte Individuen mit einer unverwechselbaren Psyche sein können und in der Lage sind, sich einem sozialen Gefüge anzupassen. Beispielsweise besitzen sie, je nach Art, die Fähigkeit, um ihre toten Artgenossen zu trauern (Delfine, Wale, Elefanten …), Affen haben einen Sinn für Fairness und Gerechtigkeit und kooperieren gern miteinander, der Hund meiner Freundin lachte mich oft an. Dies sind nur einige Beispiele.
In anderen Kulturen jedoch ist man nicht so zimperlich. Eine Chinesin meinte einmal zu mir: »Tiere sind zum Essen da.«
Tiere werden rein rechtlich in Deutschland wie eine Sache behandelt, so schlimm das auch klingen mag. Wenigstens im Tierschutzrecht genießen sie einen gewissen Schutz. Allerdings galt das noch nicht für das Mittelalter. Da konnte schon mal ein Schwein laut Gerichtsbeschluss gehenkt werden, wie in Frankreich 1386 geschehen, weil es einen Säugling zu Tode gebissen hatte. Und das war keine Ausnahme. Pferde, Kühe, Säue verendeten nach Gerichtsverhandlungen durch Köpfen, Rädern, Verbrennen oder erhängen.
Bleiben wir bei dem Löwen im Zoo. Würde er seinen Pfleger anfallen und zerfleischen, würde ihn heutzutage niemand mehr juristisch belangen.
Tiere als Mörder zu bezeichnen, ist falsch, da sie im Unterschied zum Menschen, von Instinkten getrieben, töten, um zu überleben. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Sie benötigen Nahrung oder verteidigen sich und ihre Kinder. Übernehmen beispielsweise Löwen ein Rudel, bringen sie den Nachwuchs des Nebenbuhlers um, um ihre eigenen Gene weiterzugeben, usw. Das Töten steht in der Natur auf der Tagesordnung. Charles Darwin nennt das den harten Kampf ums Dasein, wobei der der Stärkere überlebt.
Wir tragen diese Wurzeln in uns, da auch wir der Wildnis entstammen. Allerdings haben wir im Gegensatz zu damals die Fähigkeit entwickelt, bewusst zu entscheiden, ob wir einen Menschen für immer aus dem Weg räumen. Wir können über unser Tun reflektieren.
Vereinfacht ausgedrückt gilt in Deutschland derjenige als Mörder, der das Leben einer anderen Person vorsätzlich auslöscht (es gibt Kulturen, die den sogenannten Ehrenmord ausklammern).
Wird versehentlich ein Fußgänger auf der Straße überrollt und stirbt an den Folgen, ist der Fahrer kein Mörder. Greift mich jemand mit der Absicht an, mich zu töten, und komme ich ihm zuvor und bringe ihn um, ist das Notwehr.
Im Strafgesetzbuch (StGB) § 211 wird für Deutschland festgelegt, welche Merkmale für einen Mord in Abgrenzung zum Totschlag gelten. Allerdings streiten sich darüber die Gelehrten. Ein Mord ist im Vergleich zum Totschlag durch größeres Unrecht gekennzeichnet und wird mit lebenslänglich bestraft.
Menschen töten aus Hab- und Machtgier, Eifersucht, Rache, Trennungsangst, Neid, Rassismus, religiösem Fanatismus, zur Lustbefriedigung jeglicher Art, als Folge von Minderwertigkeitskomplexen sowie einer schweren Kindheit, im Drogenrausch, auf Befehl, aus Spaß, usw. Kurz gesagt aus niederen Beweggründen.
Es gibt noch die Tötung auf ausdrückliches Verlangen eines durch Krankheit zum Tode Geweihten, die aktive Sterbehilfe. In Deutschland wird das mit einer Haftstrafe bis zu fünf Jahren geahndet und ist umstritten.
Warum schreibe ich das alles? Langweile oder schockiere ich meine Leser wegen des Themas?
Mir hilft es, mich damit zu beschäftigen und andere, die daran interessiert sind, teilhaben zu lassen.
Wird ein Löwe im Zoo erschossen, stellt sich mir die Frage: Wo liegen die Grenzen zwischen Töten und Morden bei Tier und Mensch? Wie werden die Unterschiede begründet?
Unser Sohn wurde ermordet, 149 Insassen des Fluges 4U9525 wurden dahingemeuchelt. Massenmord!
Als Hinterbliebene stehe ich vor diesem Fakt und versuche, ihn zu erfassen. Es wird Annäherungen geben, doch verstehen werde ich nie.
© Brigitte Voß
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