Ein junger Mann mit sensiblen, freundlichen Augen führt uns durch die Räumlichkeiten und versteht durch die Art seiner Erklärungen, Interesse zu wecken.
Wir gelangen in den modernen Anbau, der auf Daniel Libeskind, US-amerikanischer Architekt polnisch-jüdischer Herkunft, zurückgeht. Er ist gekennzeichnet durch schräge Balken, drei sich kreuzende schiefe Achsen und abgekippte Fußböden.
Eine Achse weist aus dem Gebäude heraus in den Garten des Exils. Wir betreten ihn. Betonsäulen überragen mich um mehrere Meter.
Hier ist aber auch alles schief. Eine unbestimmte Angst breitet sich in mir aus. Es ist, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Genauso empfand ich die ersten Wochen nach der
Katastrophe. Ich bin stark verunsichert, muss immer an Jens denken, da ich diese Haltlosigkeit, die ich momentan empfinde, genauestens kenne, wenngleich meine Ursachen andere sind, als sie hier symbolisieren sollen (siehe Foto).
Ich torkele über den schrägen Untergrund und stoße des Öfteren, an eine der vielen Säulen, die das Licht und die Sicht nehmen. Mir wird leicht schwindlig und ich bin froh, als ich wieder ebenen Grund betrete. Ich bin verblüfft, was für Effekte die Architektur bewirken kann.
Wir stehen im Turm des Holocaust, The voided void (entleerte Leere) genannt, zu dem die Achse des Holocaust führt. In dem Betonschacht ist es dunkel, kalt und sehr still. Durch einen kleinen Spalt hoch oben an der Decke dringt nur wenig Tageslicht. Beklemmung. Die Gedanken an Gaskammern, Massenmord und Jens drängen sich mir geradezu auf und vermischen sich. Ich bin durcheinander und verwirrt. ›Man kann doch die Massenvernichtungen der Juden nicht mit dem Mord unserer Lieben vergleichen‹, ermahne ich mich. Der Holocaust ist die Folge einer menschenverachtenden und demagogischen Ideologie, die Hitler auch noch pseudowissenschaftlich und perfide untermauerte. Er ist Deutschlands größter Massenmörder. Er steckte Juden und Andersdenkende in die Lager, ließ sie dort bis zur Erschöpfung arbeiten und entsorgte sie anschließend wie Abfall. Ich weiß nicht, wie viele Millionen durch seine gewissenlose Hand ihr wertvolles Leben verloren.
Ich kann nicht anders. Ich sehe Verbindendes zwischen beiden Taten: Es ist der Wahnsinn, der treibt, Menschen bewusst umzubringen. Die pure Missachtung allen Lebens.
Wir laufen durch die wichtigen Epochen des Judentums in Deutschland bis zur Gegenwart. Der jüdische Teil der Bevölkerung hat sich teilweise derart angepasst, dass er sich deutsch fühlte. Mich interessiert auch das Brauchtum. Gern würde ich länger vor den privaten Ausstellungsstücken verweilen, um meiner Fantasie Auslauf zu geben. Leider rast die Zeit. Wir wollen nicht zu spät wieder zu Hause sein.
Aber eines möchte ich noch erwähnen, nämlich einen Raum, The Memory Void, dessen Boden mit 10 Tausend Gesichtern bedeckt ist, die ihre Münder aufreißen.
Sie sind aus schweren runden Eisenplatten geschnitten. Die Installation von M. Kadishman nennt sich Schalechet – Gefallenes Laub. Der Künstler widmet sie allen
unschuldigen Opfern von Krieg und Gewalt. Die im Herbst abgefallenen Blätter haben für mich eine Verbindung zur Vergänglichkeit, letztendlich zum Tod. Läuft man über sie hinweg, knistert es.
Uns steht frei, die Gesichter, die in mehreren Schichten übereinander liegen, zu betreten. Die Besucher machen davon Gebrauch. Ich zögere, bevor auch ich die Füße auf das Kunstwerk setze. Die Scheiben starren mir ausdruckslos entgegen. Ihre Augen hemmen mich zunächst, darüber zu gehen.
Die Menschen, die sie treten, erzeugen metallene, knirschende Geräusche, die sich überlagern. ›Es sind
die Schreie der Opfer‹, geht es mir durch den Kopf. Ich laufe und laufe und bringe die Münder zum Schreien. Jens! Hat er im Flugzeug geschrien? Fluchtartig verlasse ich die Installation und folge verstört und in gebührendem Abstand der Gruppe.
Ehe wir nach Hause fahren, nehmen wir im Museum einen Imbiss ein. Ich bin innerlich fertig. Wegen Jens? Doch die anderen sind ebenfalls erschöpft von den vielen Eindrücken.
* * *
Während ich diese Zeilen aus der Rückschau in den Blog schreibe, bin ich erneut von dem Museum beeindruckt, auch davon, wie Architektur und Kunst Aussagen untermalen können. Und ich denke, es ist wert, noch einmal besucht zu werden.
© Brigitte Voß
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