29.10.2016, Sonnabend – das Jüdische Museum in Berlin (Teil 1)

Ich habe mich in einem Fitnessstudio angemeldet und suche es sogar regelmäßig auf. Offensichtlich ist es derzeit die richtige Art von Sport, die bei mir funktioniert. Jeder kämpft für sich allein mit den Gewichten, es ist kein Gruppensport und ich muss nicht reden, wenn ich nicht will. Ich kenne niemanden. Zumindest dachte ich das, bis sich eine Frau näherte.
›Annette, aus dem Norwegischkurs‹, blitzte es in meinem Gedächtnis auf. Seit der Katastrophe hatte ich ihn verlassen, da das Interesse zum Sprachenlernen schlagartig erlosch. Die Gruppe ist auf fünf Teilnehmer geschrumpft. Sie lernen jetzt nicht mehr im Rahmen der Volkshochschule, da die Teilnehmerzahl zu gering ist, sondern mit der Lehrerin in der Wohnung von Annette. Sie weiß den Grund, warum ich aufgehört habe.
Wir stehen neben den Geräten und tuscheln miteinander. Unvermittelt fragt sie: »Hast du Lust, mit uns zu kommen? Wir fahren nach Berlin, um das einzige norwegische Restaurant Deutschlands zu besuchen. Anschließend wollen wir in das Jüdische Museum.«
»Äh …, nein, lass mal, ich …«, war die spontane Antwort.
Sie fiel mir ins Wort: »Kannst es dir noch mal überlegen. Melde dich, die Kontaktdaten hast du ja.«
Die Ausstellung lockte weniger, da ich sofort an den Holocaust dachte, einer fürchterlich grausamen Gewalt, vor der ich aufgrund meines Zustandes zurückscheute und in die ich mich nicht zusätzlich vertiefen wollte.
Letztendlich sagte ich doch zu, denn in den Kurs bin ich, auch wegen der Teilnehmer, gern gegangen. Es hatte Spaß gemacht, diese Sprache zu erlernen.
Und so kommt es, dass ich mit dem harten Kern der Norwegischgruppe in der Vorhalle des Jüdischen Museums in Berlin in einer riesigen Schlange warte. Ich bin erstaunt über die vielen Besucher aus dem In- und Ausland, die meist der jüngeren Generation angehören.
Bevor wir mit Auto, Frank aus der Gruppe stellt sich als Chauffeur zur Verfügung, hierhergekommen sind, haben wir im Norwegischen Restaurant gespeist und Elchblut (Spirituose) getrunken. Peinlicherweise überfiel mich dort heftiges Nasenbluten, ein Gefühl, das ich nicht mehr kannte.
Vor dem Museum patrouillieren bewaffnete Sicherheitskräfte. Unsere Taschen werden wie auf dem Flugplatz durchleuchtet.
Was ist das nur für eine Welt, in der solche Maßnahmen notwendig sind? Immer noch und wieder! Die Menschheit lernt nicht. Sie ist und bleibt gewaltbereit, egal welche Erfahrungen sie sammelt. ›Man müsste den Menschen sämtliche Gene entfernen, die für Gewalttaten verantwortlich sind‹, überlege ich. Jens, die Passagiere und die Crew wären am Leben. Ich stelle mir die friedliche Toleranz vor, die zwischen den Kulturen und vor allen Dingen Religionen herrschen würde.
Wir erhalten eine Gratisführung, und ich höre zum ersten Mal den Grund dafür. Annette Boenheim gehört zu einer bekannten jüdischen Familie. Sie selbst war lange Zeit ahnungslos, bis ein Historiker Kontakt mit ihr aufnahm und ihr die Augen öffnete. Ihr Großonkel war Hugo Haase (1863 bis 1919), ein Jurist, bedeutender SPD-Politiker und Pazifist. Auf ihn wurde als Mitglied des Reichstages ein Attentat verübt. Sein Mörder hieß mit Nachnamen Voß, wie ich mit einem ß geschrieben. Als ich das in Wikipedia erfuhr, beschlich mich ein unangenehmes Gefühl.
Annette erbte den gesamten Familiennachlass, den sie später nach einigem Zögern, sie konnte sich nicht davon trennen, dem Museum in Berlin hinterließ. Jetzt ist sie sichtlich stolz und froh darüber.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)


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