28.10.2016, Freitag – Vorauswahl des Denkmals

Aus dreiundzwanzig Vorschlägen hat eine Jury, bestehend aus Angehörigen, Gemeindevertretern von Le Vernet und Prads sowie Verantwortlichen von Lufthansa, unter Leitung eines Kunstexperten die ihrer Meinung nach drei besten Entwürfe ausgewählt, deren Künstler sie ihnen persönlich vorstellten. Derzeit sind wir aufgefordert, online unsere Favoriten zu wählen. (Zur Vorgeschichte siehe 17.08.2016, Mittwoch – das Denkmal).
Erst jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Vor der Ausschreibung hätte es eine Abstimmung geben müssen, ob man überhaupt ein Gedenkelement wünscht. Das wäre der richtigere Weg gewesen. Hätte man es damit verhindern können?
Lange Zeit nahmen wir eine schwankende Haltung ein – von ›Warum noch ein Element des Erinnerns? Das bringt unsere Lieben auch nicht wieder zurück‹ über ›Wir haben bereits genug Stätten des Gedenkens‹ bis hin zu ›Jedes Monument ist wichtig gegen das Vergessen‹. Seitdem mein Mann und ich allerdings wissen, dass es direkt an der Absturzstelle stehen soll, lehnen wir es ab.
Zwei der erwählten Entwürfe erstrahlen im Gold (Sonnenkugel von Jürgen Batschneider und Illuminier, von Tamara Grcic und Uwe Fischer). Meiner Meinung nach, ist dieses Metall zu verspielt, viel zu liebreizend angesichts des Horrors der Katastrophe. Zudem ist es prachtvoll, protzig und verdrängend. Es passt nicht in die Natur! Etwas Schlichtes würde sich besser in die Berge fügen. Und das ist schon vorhanden. Es ist der gelbe Markierungsstab, der in einfacher Form die Stelle des Dramas markiert.
Wir betrachten das dritte Modell genauer. Der Urheber, Rainer Kuehn, nennt es die Stecknadel. Sie ist deutlich zu erkennen und besteht aus einer Kugel (Stecknadelkopf) mit einem Durchmesser von 2,4 m (dagegen: Durchmesser der Sonnenkugel 5 m) und einem Metallstift von 8 m Länge. Das Material ist aus poliertem Edelstahl geplant. Die silberne Farbe wirkt beruhigend, sachlich und strahlt eine vornehme Zurückhaltung aus.
Die Nadel soll schräg in den Felsen montiert werden, um die Absturzstelle wie eine Stecknadel auf einer Landkarte zu markieren. Sie weist bescheiden auf den Aufprall des Flugzeuges hin.
Für mich ist die Symbolik des Schmerzes dabei. Ein Nadelstich tut weh. Der Künstler führt noch einen anderen Vergleich an, und zwar den mit der Stecknadel im Heuhaufen. Man sucht, grübelt, will die Wahrheit wissen, aber kommt niemals an. Es sind die vielen Warums, auf die es keine Antworten gibt, wie ich selbst immer wieder erfahren muss.
Für alle drei Modelle ist vorgesehen, dass sie mit persönlichen Erinnerungsgegenständen an unsere Lieben befüllt werden können.
Ich bin verblüfft, wie tiefgründig die Entwürfe durchdacht sind.
Mit der Stecknadel beschließen wir nun doch, an der Abstimmung teilzunehmen, auch, um die Sonnenkugel zu verhindern. Mein Gefühl sagt allerdings, dass gerade sie das Rennen gewinnen wird.

Endlich ist sie verurteilt, die Betrügerin, die sich als Cousine einer der in der Germanwings-Maschine getöteten Lehrerinnen aus Haltern ausgegeben hat, um auf Kosten der Lufthansa nach Südfrankreich zu reisen. Sie steht in keinerlei Beziehung zu einem Opfer. Mir bleibt der Atem weg, denke ich daran, wie viel Frechheit und Dreistigkeit, vermischt mit emotionaler Kälte und kriminalistischer Gier, dahintersteckt. Die Fluggesellschaft hatte unmittelbar nach der Katastrophe auf die Überprüfung der Angaben der Familien verzichtet, wollten sie den Ort des Absturzes sehen. Das war unbürokratisch und besser für die Psyche von uns Angehörigen. In solch einem seelischen Ausnahmezustand auch noch den Nachweis zu erbringen, dass wir unseren Jens durch den Flugzeugabsturz verloren haben und wir die Eltern sind, wäre eine unzumutbare Überforderung gewesen.
Aber sie nutzte das schamlos aus und flog zunächst mit einem Bekannten und das zweite Mal mit ihren zwei Kindern nach Marseille und erschlich sich dort Gratisaufenthalte einschließlich Flug, Hotel und Verpflegung. Offensichtlich führte sie sich vor Ort derart hysterisch auf, dass Psychologen sie extra betreuen mussten. Unterm Strich soll Lufthansa für sie 16 Tausend Euro gezahlt haben.
Zusätzlich ließ sie sich ein Trauertatoo stechen und heulte dem Mitarbeiter die Ohren über ihren angeblichen Verlust voll. Er öffnete speziell für sie an einem Feiertag das Geschäft und servierte ihr und den beiden Kindern noch ein Frühstück. Die Tätowierung besteht aus einer Schleife mit dem Namenszug Anke, der Flugnummer, den Koordinaten der Absturzstelle sowie der Zeit des Absturzes und befindet sich in ihrem Nacken. Statt 300 Euro nahm er von ihr nur 50 Euro.
In Südfrankreich flog schließlich der Schwindel auch durch die Aufmerksamkeit eines Betreuers auf. Wir kennen ihn. Er erzählte uns, dass ihm in einem Gespräch mit den Kindern klar wurde, dass sie die genannte tote Tante nicht kannten. Hinzu kam, dass sich ihre Mutter mit dem Namen des Opfers in Widersprüche verstrickte. Er wurde ihr zum Verhängnis, denn die getötete Lehrerin heißt Stefanie und nicht Anke.
Er berichtete uns außerdem, dass sich Fluglinien verbündet hätten, die Betrügerin niemals mehr zu befördern. Somit dürfte für sie ein Urlaub per Flugzeug für Ewigkeiten gestrichen sein.
Das Amtsgericht Köln verurteilt sie jetzt zu einem Jahr auf Bewährung wegen zweimaligen Betrugs. Ich bin der Meinung, das Strafmaß ist eindeutig zu gering. Wiegt moralische Schuld weniger?
© Brigitte Voß


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