27.10.2016, Donnerstag – Le Vernet (2)

Rückreisetag. Allerdings können wir uns Zeit nehmen, da wir die spätest mögliche Flugverbindung ausgewählt haben.
Wir verabschieden uns von den Mitarbeitern der Lufthansa, die neben dem Gedächtnisraum und der Stele ihr Büro haben. Sie setzen die Kaffeemaschine in Betrieb, und wir geraten wie so oft in eine intensivere Unterhaltung, dieses Mal über den Aussichtspunkt, der einen ungehinderten Blick auf die Absturzstelle ermöglichen wird und an der Haarnadelkurve liegt, die dem Col de Mariaud folgt:
Für das Fundament der Plattform wurden fünf Meter tiefe Löcher gebohrt, davon befinden sich drei Meter im festen Gestein. Schon das muss eine gewaltige Aktion gewesen sein. Anschließend kam den alpinen Bedingungen gemäß ein Hubschrauber zum Einsatz, der an einem speziellen Behälter den Beton in die Höhenregion transportierte und in die Bohrungen füllte. Der französische Mitarbeiter rückt den Laptop zurecht und zeigt uns dazu die von ihm aufgenommenen Videoaufnahmen, die beeindrucken. Dabei erfahren wir, dass das Fundament die Last eines Panzers aushalten würde.
Die beiden Tischler, die wir dort gestern angetroffen haben, bemühen sich, den Aufbau aus Holz bis zum Wochenende fertigzustellen. Damit würde man zwei Chören eine Freude bereiten. Sie stammen aus Seyne-les-Alpes, »Le Chœur De La Blanche«, der zum ersten Jahresgedenken an die Katastrophe auftrat, und aus Pallejà in der Nähe von Barcelona, »La Coral Pau Casals De Pallejà«, der eines seiner Mitglieder, Christian Driessens (59 Jahre, belgische Nationalität) durch den Germanwings-Absturz verlor. Die Ehefrau singt seitdem allein in dem katalanischen Chor. Sie hat das Treffen in die Wege geleitet. Da der geplante Auftrittstermin in Le Vernet zufällig mit der Fertigstellung des Aussichtspunktes zusammenfallen könnte, möchten die Sänger verständlicherweise gern dort mit Blick auf den Absturzort für die Opfer singen. Daher strengen sich alle daran beteiligten Kräfte an, dass die Plattform bis zum Wochenende fertig wird. Die Wetterprognosen sind für diesen Plan glücklicherweise günstig.
Herzlich verabschieden uns.
Im »Salle memorielle«, dem Andachtsraum, legen wir frische Nadelbaumzweige vor das Foto von Jens. Mein Mann schreibt noch einen Gruß in das ihm gewidmete Notizbüchlein hinein, das wir aus der Heimat mitgebracht haben. Es ist farbenfroh und wird von einem aufgedruckten, blauen Schmetterling geschmückt.
Wir besuchen die Vermieter der Ferienwohnung, in der ich bei unserem letzten Aufenthalt ein Brillenetui vergessen hatte. Sie rief uns deshalb in Deutschland an. Beide freuen sich, uns wiederzusehen. Wir kündigen an, anlässlich des zweiten Jahresgedenkens die Unterkunft erneut mieten zu wollen. Sie antworten, dass dem nichts im Wege stünde, wir sollten nur rechtzeitig buchen.
Auf dem Friedhof nehmen wir Abschied von Jens.
An der Kirchentür prangt uns ein frisch angebrachtes Plakat entgegen. Ich übersetze meinem Mann, dass die von den Lufthansamitarbeitern genannten Chöre nicht nur auf der Aussichtsplattform in den Bergen auftreten sondern auch in der Kirche zu Ehren der Opfer von Flug 4U9525 am Sonntagabend ein Gratiskonzert geben. Schade! An dem Tag sind wir bereits zuhause. Wie gern hätten wir es besucht.
Wir befolgen den Ratschlag der Mitarbeiter des Lufthansabüros, einer Nebenstraße zu folgen, die uns ebenfalls über Digne nach Marseille führt. Wir fahren durch Schluchten, die das Ungestüm der Wildnis in einer unvorstellbar langen Zeitspanne durch das Gestein gegraben hat. Oft verlassen wir das Fahrzeug, um die atemberaubende Landschaft zu betrachten.
Wider Erwarten drängt die Traurigkeit in den Vordergrund, da sich Jens nie wieder an derartigen Schönheiten erfreuen kann. Die im Herbst tief stehende Sonne lässt die Blätter an den Bäumen und mit ihnen die Hänge der Berge in warmen Rot-, Gelb-, und Brauntönen flammen. Bevor sie den Weg allen Lebens nehmen und sterben, dürfen sie ihre schönste Pracht zeigen. Die Kräfte des Windes spielen mit ihnen, bis sie zu schwach sind, sich weiterhin an den Zweigen zu halten. Sie fallen ab und gehen in den Kreislauf der Natur ein. Im Frühjahr werden sich aus zartgrünen Knospen neue Blätter entfalten. Und unser Sohn? Er wurde vorzeitig und gewaltsam dem Lebenszyklus entrissen.
Werden wir wiedergeboren, wie Religionen es behaupten? Gibt es die in der Bibel verkündete Auferstehung?

Treffen wir ihn irgendwann wieder, soweit ein Weiterleben nach dem Tod in einer anderen Daseinsform existiert? Menschen berichten von Nahtoderfahrungen, die sie als Folge von Unfällen beziehungsweise Operationen erlebt hätten (Raymond A. Moody: »Leben nach dem Tod: Die Erforschung einer unerklärlichen Erfahrung«). Entspringen sie einer wichtigmachenden Fantasie, sind sie das Resultat von Zustandsformen, die das gestresste Gehirn im Sterbeprozess durchläuft, oder entsprechen sie gar der Wahrheit? Wenn ich das wüsste, würde es mir besser gehen.
Kurz vor Digne stoßen wir direkt an der Straße auf eine Ammonitenwand. Vor vielen Millionen Jahren schwappte das Meer über die Felsen hinweg und hinterließ die Abdrücke jener Kopffüßler im Gestein. Darüberliegende Schichten wurden abgetragen, um ihre Formen freizulegen. Sie künden von einem Leben, das es vor einer unfassbaren Ewigkeit gab.
Plötzlich fällt mir das Denkmal ein, das unmittelbar am Absturzort der Unglücksmaschine geplant ist. Die drei besten Entwürfe sollen heute auf der Website für die Hinterbliebenen vorgestellt werden.
Die Flüge verlaufen reibungslos. Allerdings mussten wir uns vor dem heimatlichen Flughafen in eine Warteschlange einreihen, um eines der raren Taxis zu ergattern. Bisher hatten wir, auch zu dieser mitternächtlichen Stunde, nie Probleme. Erinnerungen an die DDR kamen auf, da gehörte das bereits bei Tageslicht zum Alltag.
Ein ereignisreicher Tag liegt hinter uns.
© Brigitte Voß


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