Seit Langem hatten wir beschlossen, im Oktober erneut für drei Tage Jens zu besuchen, obwohl wir erst kürzlich dort weilten. Es ist wie eine Sucht, der man sich nicht entziehen kann. Wahrhaftiger müsste es heißen: nicht will.
Auf dem gestrigen Flug nach Frankreich mit Aufenthalt in München zog mich beim jeweiligen Ein- und Aussteigen die Cockpittür magisch an. Mit gemischten Gefühlen klebte mein Blick förmlich an ihr. Ich stellte mir bildhaft vor, wie der Pilot verzweifelt versuchte, sie zu öffnen. Was haben die Passagiere davon mitbekommen?
An die Crew mag ich gar nicht denken. Sie konnte die Situation genaustens einschätzen und wusste, was kommen würde. Fürchterlich! Wie sah es in ihrem Inneren aus? Waren sie noch in der Lage, sich um die Fluggäste zu kümmern? Niemals wird es auf die schmerzvollen Fragen Antworten geben.
Nachdem wir den Flieger in Marseille verlassen hatten, rissen wir uns die Daunenjacken vom Leibe, weil die Wärme, die uns entgegenschlug, den Schweiß aus den Poren trieb. In den Bergen werden wir sie brauchen.
Wir holten den von Lufthansa organisierten Mietwagen ab und fuhren die mittlerweile bekannte Strecke in das Bergdorf. Als wir den Col Labouret querten, kam es zum erwarteten Temperatursturz. Der Pass wirkt als Wetterscheide zwischen den Nord- und den Südalpen.
Wir verbringen die zwei Nächte in der »Domaine du Vernet«, die sich neben der Stele befindet. Die Betreiber Francine und Stéphane begrüßten uns freudig mit den typischen Küsschen.
Im Mittelpunkt des zweiten Tages steht wie üblich der Aufstieg zur Absturzstelle.
Dieser Ort ist derart speziell, dass ich stets mit neuen Gefühlen beladen darüber in meinem Online-Tagebuch schreibe. Es ist längst noch nicht alles gesagt.
Wir passieren den Aussichtspunkt, an dem eifrig gewerkelt wird. Wir kommen mit den beiden französischen Bauarbeitern ins Gespräch und erfahren, dass er zum Wochenende fertig sein soll, soweit das Wetter mitspielt. 
Die Wolkendecke verströmt ein pessimistisches Grau. Zeitweise begleitet uns Regen. Es riecht nach Herbst.
Wir gelangen an den Platz, an dem Manfred und Heide für ihren Lutz und die Gefährtin zwei winzige Nadelbäumchen gepflanzt haben. Wie er uns erzählte, war der Grund schwer zu lockern gewesen. Es sei nur gelungen, sie in die Erde einzubringen, weil ihn der Gedanke antrieb: ›Was haben unsere Kinder gelitten!‹ Er legte sich trotz der Gelenkschmerzen ins Zeug und schaffte es. Wir sehen das Ergebnis: Die Bäumchen gedeihen kräftig.
An der Absturzstelle entdecken wir wie bei den vorherigen Besuchen kleinere Trümmer des abgestürzten Flugzeuges. Infolge der Witterungseinflüsse müssen wir stets mit solchen Dingen rechnen.
Betrachte ich den Markierungsstab, rattern häufig verstörende Fiktionen durch den Kopf. Nie werden wir genau erfahren, wie die letzten Lebensminuten von Jens verlaufen sind. Hat er in Todesangst geschrien? Einige Angehörige munkeln, die Passagiere hätten eine Schutzhaltung eingenommen. Oder haben sie wahrhaftig nichts mitbekommen, wie meine Psychologin, die Lufthansamitarbeiter und die Experten von der BEA behaupten (siehe „12.03.2016, Sonnabend – BEA – Informationsveranstaltung“)? Für mich ist das unwahrscheinlich. Zehn Minuten Sinkflug bei Maximalgeschwindigkeit! Der Boden rast ihnen entgegen! Wenn man nicht gerade schläft, sieht man das. Felsen sind erkennbar, werden größer, sind unter der Maschine! Daneben! Erschütterung! Knall des Aufpralls. Tod! Tod! Tod!
Ich bemerke einen normalen Sinkflug auch ohne Ankündigung der Crew. Hinzu kommt, dass dieser erst in der Nähe des Landungsziels eingeleitet wird und nicht, wie die BEA für Flug 4U9525 erklärte, unmittelbar nach Erreichen der vorgesehenen Flughöhe. Kaum ist man oben, geht es wieder hinunter? Für Flugerfahrene wie Jens muss das ungewöhnlich gewesen sein. Es wird von einer dreifachen Sinkrate gesprochen. Selbst der unsensibelste Flugzeuginsasse müsste deren Auswirkungen auf den Körper bemerkt haben. Wurden die Fluggäste aufgefordert, sich anzuschnallen?
Ich halte den Menschen, die versuchen, uns vom Gegenteil zu überzeugen, zugute, dass sie beruhigen wollen. Vielleicht ignorieren einige von ihnen die knallharten Fakten, weil sie außerordentlich grausam sind.
Im Grunde genommen bringen all diese Gedanken unseren Sohn nicht zurück und ich quäle mich damit. Das habe ich inzwischen kapiert. Trotzdem hoffe ich, in ihnen einen klitzekleinen Hinweis zu finden, dass unsere Lieben wirklich nichts von all dem Schrecklichen mitbekommen haben. Doch die Suche danach wird erfolglos bleiben.
© Brigitte Voß
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