18.10.2016, Dienstag – der Patenbaum und Bali

♦ ZWEIUNDACHTZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Gestern wäre mein Vati 95 Jahre alt geworden. Die Eltern sind tot, und ich bin froh, dass sie den Tod von Jens nicht mehr erleben mussten. Sie haben den Weltkrieg und die Nachkriegszeit mit allen Entbehrungen überstanden. Er kehrte aus sibirischer Gefangenschaft zurück, sie überlebte die Bombenangriffe. Aber die Sache mit ihrem geliebten Enkel hätten sie nie verwinden können, davon bin ich überzeugt.
Thomas erinnert sich gern an die Zeit mit den Großeltern. Betrübt meint er: »Es ist noch gar nicht solange her, da konnte ich mich mit Jens über die gemeinsamen Erlebnisse mit Omi und Opi austauschen. Jetzt bin ich von uns Vieren der einzige, der sie unmittelbar erlebt hat, sie kennt. Der einzige Zeuge, der darüber berichten kann. Das macht nachdenklich.«
Wir fahren zum See, der sich in der Nähe befindet. Dort erfreut sich der Patenbaum, den wir Jens gewidmet haben, (siehe 13.08.2016, Sonnabend – die Hainbuche), eines gesunden Lebens. Vom Parkplatz aus müssen wir nur wenige Meter laufen. Sassa sammelt eifrig Kastanien, mit denen wir Tiere basteln wollen. Einen Teil opfert sie großzügig für den ›Jensi-Baum‹. Wir legen die braunen, glänzenden Früchte um ihn herum. Mit voller Konzentration ist sie dabei. Stolz betrachtet die Enkelin das gelungene Werk.
Manchmal erzählt sie mit gesenktem Tonfall von Onkel Jens, an den sie sich wohl mehr durch unsere Erzählungen erinnert. Sie weiß, dass er tot ist und nie wieder kommt, aber wir möchten, dass sie ihn nicht vergisst. Obwohl sie fremdelte, hatte sie begonnen, mit ihm zu spielen und jede Menge Spaß zu haben. Bald darauf musste er sterben.

Meine Augen lieben es, über den Stamm sowie die Baumkrone zu gleiten, und stets durchrieselt mich ein angenehmes Gefühl.
Der Baum reckt sich geradlinig dem Himmel entgegen. Die unteren Zweige wurden, warum auch immer, abgeschlagen, wie die verbliebenen Stümpfe beweisen. Uns stört das nicht. Wer ist schon perfekt?
Das Widmungsschild wurde wider Erwarten zu ebener Erde angebracht und nicht wie bisher üblich auf einen herausragenden Holzstab. In das Metall sind die Worte »In Gedenken an Jens« und darunter »Deine Fröhlichkeit fehlt uns« eingraviert. Lange haben wir darüber beraten. Letztendlich ließen wir Geburts- und Sterbedatum weg sowie jeglichen Bezug zur Katastrophe. Merkwürdigerweise ist er dennoch vorhanden, denn die Nummer des Standortes G 925 weist eine Ähnlichkeit zur Flugnummer 9525 auf.

Damit alles eine amtliche Ordnung hat, erhielten wir zusätzlich ein Zertifikat mit Stempel und Unterschrift für den Patenbaum.
Uns erreicht eine ungewöhnliche Einladung von australischen Freunden. Norbert begeht im Februar einen runden Geburtstag. Daher soll besonders gefeiert werden, und zwar auf Bali. Sofort denke ich: ›Diese Möglichkeit müssen wir unbedingt nutzen‹, da jede vertane Chance im Leben für immer verloren sein kann, speziell in unserem Alter. Noch nie haben wir einen Regenwald gesehen.
Für Australier ist es angeblich billiger, mit mehreren Personen auf Bali zu feiern als in heimatlichen Gefilden.
Ein Problem tritt zutage: Wie überzeuge ich meinen Mann, daran teilzunehmen? Um ihn mache ich mir Sorgen. Neuerdings schweigt er mit einem Blick vor sich hin, der in eine unbestimmte Ferne gerichtet ist, und hinterlässt einen regelrecht depressiven Eindruck. Ich dringe nur schwer zu ihm durch. Eine psychotherapeutische Behandlung lehnt er ab.
Seit wir vom Urlaub zurückgekehrt sind, quälen uns eine ungewöhnliche Müdigkeit und Schlappheit. Jegliche Aktivitäten strengen beträchtlich an. War der längere Aufenthalt in Le Vernet und Prads wegen der Nähe zum Absturzgebiet doch psychisch anstrengender als zunächst empfunden?
Obwohl ich mich erneut von einer Sportgruppe abgemeldet habe, weil ich Infekte magnetisch anziehe, und die körperlichen Schmerzen, deren Ursache den Ärzten unerschlossen bleibt, nach den Übungen kräftig zunehmen, halte ich derzeit unsere traurige Situation besser ab als mein Mann. Bisher war stets er der Stärkere. Und jetzt Bali?
Ich gebe ihm die Einladung zum Lesen.
Wie erwartet beiße ich auf Granit. Die Argumente, dass die exotische Umgebung und all das Fremde ablenken werden, sowie Norbert deutsch spricht, werden mit der Bemerkung abgeschmettert, er habe keine Lust an einer Geburtstagsparty mit lustigen Menschen teilzunehmen. Außerdem sei Indonesien so viele Flugstunden entfernt, ich müsste doch wissen, wie das anstrengt. Wenigstens sieht er ein, dass wir gegen die Erschöpfung etwas tun müssen.
Wir werden sehen. Immerhin ist mein unbedingter Wunsch, auf die Insel zu fliegen, zu ihm durchgedrungen.
Hoffentlich arbeitet die Zeit für mich.
© Brigitte Voß


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