Seit Tagen wird ein Fernsehfilm beworben, der heute Abend zeitgleich in Deutschland, Österreich und in der Schweiz ausgestrahlt wird. Er wurde nach einem Theaterstück von Ferdinand von Schirach gedreht. Darin wohnt der Zuschauer einer fiktiven Gerichtsverhandlung bei, in der um den Kampfpiloten Lars Koch verhandelt wird. Er hatte eine Lufthansamaschine A 320 ohne Befehl abgeschossen und setzte sich damit über geltende Gesetze hinweg. (Einschub: Es war ein A 320, in dem all unsere Lieben umgebracht wurden.) Er wollte verhindern, dass das Passagierflugzug mit 164 Menschen an Bord von einem Terroristen in ein Stadion gesteuert wird, in dem sich 70 Tausend Personen aufhielten.
Mich interessiert das Thema auch deshalb, da sich um Flug 4U9525 mehrere Verschwörungstheorien ranken. Eine erzählt folgende Story: Unbekannte Kräfte hätten den Autopiloten des Airbusses von außen manipuliert, um ihn zur Staumauer des Serre-Ponçon-Stausees (größter Staudamm Europas) zu steuern. Die Zerstörung des Dammes würde kollosale Folgen nach sich ziehen. Eine riesige Flutwelle würde die Städte und Dörfer überschwappen und das Wasser großer Flüsse über ihre Ufer treten lassen. Viele Menschen verlören dabei ihr Leben, weil sie nicht rechtzeitig evakuiert werden könnten, abgesehen vom wirtschaftlichen Schaden. Um dieses angebliche Szenario zu vermeiden, wären Abfangjäger aufgestiegen und hätten die Maschine abgeschossen. Soweit der Versuch einer Erklärung, die der Unwissenheit entspringt.
Tatsächlich startete an jenem 24. März 2015 eine Mirage, allerdings mit dem Ziel festzustellen, warum jegliche Kontaktaufnahme mit dem Germanwings-Flugzeug misslang. Das ist in solchen Situationen ein ganz normaler Vorgang. Hätte man den Airbus wirklich zum Absturz gebracht, sähe sein Flugprofil anders aus.
Mit Interesse verfolge ich die fiktive Gerichtsverhandlung. Rechtfertigt die Rettung von 70 Tausend Menschen den Tod von 164 Passagieren? Ist der Kampfpilot Lars Koch ein Held oder ein Verbrecher? Nach den Schlussplädoyers des Verteidigers und der Staatsanwältin stimmen nicht die Schöffen ab, sondern das Publikum.
Ich bleibe lange auf, um das Ergebnis zu erfahren. 86,9 Prozent entscheiden sich für einen Freispruch des Kampffliegers. In den Nachbarländern sieht es ähnlich aus.
Für den Piloten Koch verschmolzen die Insassen der Passagiermaschine mit der angreifenden ›Waffe Flugzeug‹, das zur Abwehr abgeschossen werden musste. In dieser Situation betrachtete er die Menschen als Elemente und nicht als lebende Personen. (Jens Teil einer Waffe?) Für mich ist das unannehmbar.
Leben sollte nicht gegen Leben aufgerechnet werden, auch nicht in Zahlen.
Und überhaupt, darf man innerhalb so kurzer Zeit über ein derartiges Thema abstimmen, als wäre es ein Songtext? Die gewählten Worte ›Schuld‹ und ›Nichtschuld‹ sind in meinen Augen ungünstig. Präziser müsste es heißen richtige oder falsche Handlung. Obwohl ich nicht an die oben genannte Verschwörungstheorie glaube, gefällt mir der Gedanke nicht, dass Passagiere infolge unvorherzusehender Ereignisse zum Gegenstand Waffe mutieren. Die Problematik war mir vor der Sendung klar, und ich wusste bereits, dass ich für »schuldig« stimmen würde, worin mich die Diskussionen im Gerichtssaal des Films zusätzlich bestärkten.
Es folgt die Talkshow »Hart aber fair«, in der Franz Josef Jung, ehemaliger Verteidigungsminister von 2005 bis 2009 und Gerhart Baum, Innenminister von 1978 bis 1982, aneinander geraten. Jung befindet den Piloten für nicht schuldig und Baum für schuldig. Sie diskutieren letztendlich über das Grundgesetz Deutschlands (Menschenwürde und Schutz des Lebens) sowie den Rechtsstaat.
Ein früherer Kampfjet-Flieger der Bundeswehr stimmt für seinen fiktiven Kollegen und fordert von den Politikern mehr Rechtssicherheit für derartige Gefahrenlagen. Es sei zu hinterfragen, ob in Zeiten des Terrors die Verfassung noch hinreichend schütze.
Und eine Theologin meint: »In dieser Situation gibt es nur falsch und Falscher.«
Die Zuschauer sind aufgefordert, in dem anschließenden Chat ihre Meinungen zu veröffentlichen, was rege genutzt wird. Da die überwiegende Mehrzahl die Entscheidung des Piloten begrüßt, setze ich in anonymer Form etwas dagegen. Und das lautet ungefähr so: »Wie würden Sie urteilen, wenn ihre Lieben sich in dem Terrorflugzeug befinden und abgeschossen würden, um dafür Zehntausende von Menschenleben zu retten? Sie sollten daran denken: Auch das Unwahrscheinlichste könnte Realität werden.«
Damit trete ich einen Proteststurm los. Mir wird Egoismus vorgeworfen. Hinzu kommt, dass sich einige heroisch opfern würden, säßen sie selbst in der Passagiermaschine.
Ich bezweifle jedoch, dass sie in einer derartigen Situation sagen würden: »Also gut, ich lasse mich mit den 163 Passagieren in der Luft zerfetzen, um 70 Tausend Zuschauern im Stadion den Tod zu ersparen.«
Ich bin diesen Menschen nicht gram, vielleicht hätte ich in meinem früheren Dasein ebenso abgestimmt. Ich gehe davon aus, dass sie, hätten sie solch schreckliche Dinge erlebt wie wir, eine gegenteilige Meinung vertreten würden.
Aus der Ferne sieht alles anders aus.
Allerdings weist der Fernsehfilm »Terror« einen gravierenden Fehler auf. Wie konnte der Terrorist die Cockpit-Tür öffnen? Laut französischer Untersuchungsbehörde BEA ist sie seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA von Außen unüberwindbar.
Es ist merkwürdig, wie fern ein Unglück ist, wenn es uns nicht selbst betrifft.
(John Steinbeck)
(Und warum Trolley-Prinzip? Es ist ein Gedankenspiel. Eine Straßenbahn gerät außer Kontrolle und rast auf fünf ahnungslose Bahnarbeiter zu. Wir, als Beobachter des Disasters, könnten eine Weiche stellen, um auf diese Weise den Wagen auf ein Gleis zu lenken, auf dem sich nur ein Arbeiter befindet. Wir hätten damit fünf Menschenleben gerettet und eines geopfert.
Jede Entscheidung ist unmenschlich. Wo liegen die Grenzen der Moral? Wir stehen vor einem Dilemma. Darüber haben sich Wissenschaftler in philosophischen Betrachtungen und psychologischen Untersuchungen ausgelassen.)
© Brigitte Voß
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