11.10.2016, Freitag – Aufreger

Seit wir wieder zuhause sind, bestürmt uns kaltes und regnerisches Oktoberwetter. Das ist besonders hart, wenn man kurz vorher aus Südfrankreich zurückgekehrt ist. Nahezu täglich schien die provenzalische Sonne mit ungewohnter Energie auf unsere nordischen Köpfe, sodass wir sie schützen mussten. Sie vertrieb die eiskalte Luft der Nacht …
Wir haben Erika auf das Grab von Jens gepflanzt. Oft besuchen wir ihn auf dem Friedhof. Die Bäume schütten Wiesen, Wege und Gräber mit vertrockneten Blättern zu. Sie protestieren gegen die Jahreszeit und werfen das sterbende Laub ab. Im Frühjahr wird es wieder geboren. Aber Jens?
Nicht nur das Wetter bestürmt uns seit der Rückkehr, sondern es bestürmen uns auch Neuigkeiten, die mit dem Flugzeugabsturz zusammenhängen. In Prads waren wir vom Internet abgeschnitten. Daher schlagen geballte Informationen mit herber Kraft auf uns ein.
Lufthansa teilt mit, dass bei der regelmäßigen Begehung der Absturzstelle weitere persönliche Sachen unserer Lieben aufgefunden wurden. Auf der uns bereits bekannten und mit einem Code geschützten Website können wir die Gegenstände, die nicht zugeordnet werden konnten, einsehen. Ich mag diese Prozedur nicht wiederholen. Es bedrängt die Seele, den beschädigten Schmuck wie Ringe und Ketten, die elektronischen Bruchstücke diverser Geräte beziehungsweise die kompletten oder zerrissenen Kleidungsstücke von Menschen zu sehen, die einst vertrauensvoll ihrem Ziel entgegenflogen und dabei mörderisch betrogen wurden. Trotzdem soll das, was Jens gehörte, zurückkehren. Daher öffnet mein Mann den betreffenden Link, doch von ihm entdeckt er nichts.
Ein weiterer Aufreger verbirgt sich im Anhang einer E-Mail von unserem Rechtsanwalt. Es ist ein psychologisches Gutachten über mich, das für einen amtlichen Vorgang benötigt wird. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf Details eingehen. Nur frage ich, wie glaubwürdig ist eine derartige Einschätzung, wenn bereits der Einleitungssatz einen gravierenden Fehler enthält. Als Absturzdatum wurde der 04.03.2015 angegeben. Damals war Jens noch bei bester Gesundheit.
Das vorliegende Schreiben ist nach Aktenlage entstanden und mit Sicherheit ungeeignet für eine faire Beurteilung. Fehleinschätzungen sind vorprogrammiert. Ich hatte erwartet, dass man vor Anfertigung solch eines Dokumentes wenigstens die Psychologin gründlich befragt, die mich seit der Katastrophe regelmäßig behandelt. Auch ein Termin bei einer zusätzlichen Fachkraft wäre akzeptabel gewesen. Doch nichts von dem geschah, weil der urteilende Psychologe behauptet, ich sei nicht in Behandlungen. Das ist ein objektiver Fehler genau wie das genannte Absturzdatum. Allein das macht misstrauisch.
Zum einen ist es für den Betreffenden verletzend, »so auf die Kalte« ohne jegliche Kenntnisse abgehandelt zu werden, und zum anderen verwundert mich nicht mehr, dass ein Andreas Lubitz an den Steuerknüppel gelangen konnte. Bei dem Gedanken wird mir regelrecht schlecht. Genauso schludrig und oberflächlich haben einige der Gutachter gearbeitet und damit den Tod von 149 Insassen mit zu verantworten. Beispiele: Zwischen Januar und April 2008 nahm Lubitz am Auswahlverfahren des Lufthansa Flight Training teil und erwarb die Flugtauglichkeitsbescheinigung. Bereits im November des Jahres unterbrach er seine Ausbildung zum Piloten aufgrund einer schweren Depression, die ausgelöst wurde durch den Trennungsschmerz von Mutter und Freundin sowie der Furcht, in der beruflichen Karriere zu versagen. Fünf Monate später beantragte er die Erstuntersuchung zur erneuten Erteilung eines Tauglichkeitszeugnisses. Dabei beantwortete er spezielle Fragen in den Dokumenten mit einer Lüge.
Ein Arzt des Aeromedical Centers deutsche Lufthansa AG Frankfurt/Main teilte am 14.07.2009 die Verweigerung der Ausstellung eines derartigen Zeugnisses mit. Noch am selben Tag gab ein Herr Professor desselben flugmedizinischen Dienstes die Empfehlung zur Wiedereingliederung eines Tauglichkeitszeugnisses der Klasse 1. (Beide Gutachter sind in den Akten benannt.) Innerhalb eines Tages Ablehnung und Zustimmung??? Das ist unlogisch und schreit nach einer Erklärung.
Andreas Lubitz erhielt am 28.07.2009 das gewünschte Dokument, allerdings mit einem speziellen REV-Vermerk, der besagt, dass bei erneutem Auftreten von psychischen Auffälligkeiten die Flugtauglichkeit erlischt. Die jährlich folgenden Tauglichkeitszeugnisse trugen ebenfalls den REV-Eintrag. Nie wurde dieser Notiz von den Ärzten nachgegangen, obwohl sie die Verpflichtung dazu hatten. Seine Fluglizenz enthielt einen analogen Zusatz (SIC), leider auch hier ohne Folgen. Die Lizenz stellte das Luftfahrt–Bundesamt aus. Doch niemand weiß, wie das SIC auf die Pilotenlizenz gekommen ist.
Im September des Jahres verfasste unser Rechtsanwalt auf 81 Duckseiten eine strafrechtliche Analyse mit den entsprechenden Beweisanträgen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Eltern und die Lebensgefährtin des Andreas Lubitz, die Kollegen, seine privaten Ärzte sowie der flugmedizinische Dienst, die Aufsichtsbehörde (Luftfahrt-Bundesamt) und die Betreiberin des Luftfahrzeuges und Arbeitgeberin des Co-Piloten. Die hier geschilderten Fakten decken eine Vielzahl von Ungereimtheiten, Widersprüchen (zum Beispiel in der Krankenakte eines Psychiaters), gravierenden Fehlern und folgenschweren Versäumnissen auf, die zum Tod von 149 Menschen führten.
Hauptsächlich ein Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der Andreas Lubitz von Juli 2008 bis zu seinem mörderischen Selbstmord behandelte, wird verdächtigt, sich wegen Nichtanzeige eines geplanten Verbrechens strafbar gemacht zu haben. Er fällt sogar unter dem Verdacht der fahrlässigen Tötung. Inwieweit haben die von ihm verordneten Medikamente die Flugtauglichkeit beeinflusst? Wieso stellt er am 29.01.2015 ein fachärztliches Attest aus, übrigens ohne persönliche Untersuchung des Andreas Lubitz, indem er ihm bescheinigt, aus psychiatrischer Sicht vollkommen gesund zu sein?
Rätsel über Rätsel.
Ich rege mich auf. Offensichtlich gehören derartige Missstände zur Tagesordnung. Ich möchte nicht wissen, wie viele Piloten mit erheblichen psychischen Problemen durch das System rutschen und Passagiermaschinen steuern dürfen.
Warum ist mir das nicht egal? Jens ist bereits tot.
Ich hoffe nur, dass die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft die in der Schrift aufgezeigten Sachverhalte und strafrechtlichen Einschätzungen gründlichst untersucht.
© Brigitte Voß


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3 Gedanken zu “11.10.2016, Freitag – Aufreger”

  1. Bei allem Respekt vor Ihrem Schmerz:

    Andreas Lubitz hatte eine depressive Episode, keine schwere Depression. Sie kennen bestimmt den Unterschied. Seit 2009 war er in dieser Hinsicht gesund.

    Wenn die Angaben der Familie und des Abschlussberichts Sie nicht ausreichend überzeugen, schauen Sie doch bitte in die Ermittlungsakte.

    Sie werden jetzt sicher sagen, dass ich auf der Seite der Familie Lubitz stehe. Aber es geht mir um Gerechtigkeit, wie Ihnen auch. Nicht nur für den einen, nicht nur für 149 – für sie alle.

    Übrigens ist ein baugleiches Flugzeug vor ein paar Tagen in eine Art Sturzflug gegangen – Panik brach aus, auch unter den Flugbegleitern. Es stellte sich heraus, dass ein sehr ernstes technisches Problem diese plötzliche Reaktion der Piloten verlangt hatte. Aber hier konnte man sie ja befragen…

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    1. Wenn Sie Respekt vor dem Schmerz von Frau Voß hätten wie Sie sagen, würden Sie und Ihresgleichen davon abseheń hier irgendwelche überflüssigen Kommentare zu hinterlassen die hier keiner lesen möchte.. sie werden rein gar nichts an den Tatsachen ändern die feststehen und NICHT wegdiskutiert werden können… auch mit noch so fadenscheinigen Ausreden aus der Lubitz- Lügenschmiede..

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