♦ NEUNUNDSIEBZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Weiter geht es entlang des Gebirgsbaches Galèbre. Über sein Tal flog der zum Absturz verdammte Airbus in extremer Tiefe flussaufwärts dahin. Nur kurze Zeit darauf prallte er auf eine Felswand.
Wir wandern entgegengesetzt der Flugrichtung. Rechts von uns befindet sich der Bergkamm des l’Ubac. Ihn müsste Jens gesehen haben, denn er saß auf der linken Seite.
So hänge ich trüben Gedanken nach und bemerke zunächst nicht, wie sich der Himmel verdunkelt. Nur der einsetzende Nieselregen schreckt mich auf, da er mit feinen Tröpfchen die Brille benetzt, sodass ich nur noch verschwommen die Umgebung wahrnehmen kann.
»Wir haben die Wegmarkierung verloren«, sagt schließlich mein Mann.
Wir kraxeln durch das Geröllfeld des Galèbre und passen auf, dass wir nicht mit den Füßen umknicken. Wir stapfen durch das Wasser, erklimmen unwegsame Felsbrocken und krauchen durch dorniges Gestrüpp. Das Nass umspült uns. Wir suchen eine günstige Stelle, wo wir den flussähnlichen Bach queren können, denn die Orientierung meines Mannes meint, wir müssten auf die andere Seite. Einen entsprechenden Hinweis haben wir wohl übersehen.
Endlich sind wir drüben und steigen weiter von Stein zu Stein. Der Regen verstärkt sich, es gießt. Hoffentlich schwillt das Gewässer nicht zu einem gewaltigen Strom an und verschlingt uns. Unmöglich ist das in der rauen Natur nicht. Ich setze die Kapuze auf und sehe das bildhaft vor mir … So würden wir in der Nähe des Ortes umkommen, an dem Jens sein Leben verlor. Mir ist bewusst, das ist destruktiv, doch diese Vorstellung zwängt sich geradezu auf.
Donnergrollen in der Ferne. Auch das noch! Mein orientierungsbegabter Mann ist überzeugt, bald in Vière, unserem nächsten Ziel zu sein. Ich bin froh, dass er recht hat. Wir laufen über eine Wiese, auf der merkwürdige weiße Quader, die in drei langen Reihe aufgestellt sind, das Grün unterbrechen.
Es soll Kunst sein. Sie gehört zu der Gattung, die sich meinem Verständnis entzieht, allerdings bin ich kein Experte. Die Steine gehören zu einem Projekt, das sich im freien Raum von Frankreich bis Italien erstreckt. Es nennt sich »VIAPAC – la Via Per l’Arte Contemporanea« (Straße der zeitgenössischen Kunst), das die Städte Digne-les-Bains und Caraglio verbindet. Das vor uns befindliche Werk mit der Bezeichnung »Edge-Stones: Vière et les moyennes montanes« (Vière und die Mittelgebirge)« stammt von einem amerikanischen Bildhauer namens Richard Nonas. Die Aktion besteht aus verschiedenen Kreationen unterschiedlicher Meister.
Die wenigen Häuser des Ortes sind unbewohnt. Wir entdecken eine romantische verfallene Kapelle, die vom Künstler wieder aufgebaut wird, wie die Hinweistafeln erklären.
Sie soll zukünftig dem Wanderer als Unterschlupf dienen.
Der Platz strahlt eine gewisse Mystik aus.
Der Regen drängt uns vorwärts. Der Pfad führt durch Wald und über Hänge. Das Grollen des Donners schallt von den Felsen zurück und überlagert sich zu verschobenen Echos. Zischende Blitze verfolgen uns. Schließlich gehen wir zu unserem Schutz in die Hocke, bis wir es wagen, den Weg fortzusetzen. Das Wasser rinnt den Nacken hinunter und versucht, den Rücken zu erobern. Ein Bach wälzt sich an uns vorbei. Endlich! Völlig durchnässt lassen wir uns auf die Autositze fallen. Etwa 9 km liegen hinter uns. An der Stele mit den 149 Stäben steigen wir aus. Der Regen hat nachgelassen, das Unwetter ist verschwunden. Ich schaue in die Richtung des Katastrophengebietes. Berge verdecken die Sicht.
Ich bin tieftraurig. Jens ist tot. Der Schmerz ist gewaltig.
Wir fahren zurück nach Prads.
Nina klopft an die Tür des Chalets, um ein frisches Baguette zu bringen. Wir bitten sie herein, und sie lauscht aufmerksam, was wir über die Wanderung zu berichten haben.
Sie wollte uns am Morgen den abgeänderten Wetterbericht mitteilen, allerdings waren wir bereits aufgebrochen. Sie hätte die Bergrettung informiert, wären wir bis zum Abend nicht wieder aufgetaucht, denn ungefährlich ist es bei Gewitter und Regen in den Bergen, dazu noch im Bachbett des Galèbre, nicht.
© Brigitte Voß
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