27.09.2016, Dienstag – der Schulmeisterweg (Prads 4)

♦ NEUNUNDSIEBZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
An einem Rastplatz begegnen wir erneut dem freundlichen Wanderer. Sofort hat er uns in eine Unterhaltung verwickelt. Er erklärt, er sei ein Mime (Pantomime) und gehe voll in dem Beruf auf. Er bemühe sich, die Sprache mit Körper, Gestik und dem Mienenspiel auszudrücken, ich müsse ihn doch gut verstehen. Vollkommen verblüfft, bestätige ich es ihm. Anhand meiner offensichtlich akzentbeladenen französischen Aussprache hat er uns längst als Deutsche identifiziert. Er spricht von seinem Lebensmotto »L’espoir fait vivre« (sinngemäße Übersetzung: Die Hoffnung schürt die Lebenskraft). Ich werde nachdenklich, denke ich an den Tod von Jens. Was wäre ohne ihr aus uns geworden? Die Enkel geben uns viel Licht für die Zukunft. Auch, dass wir die anstrengenden Wege durch das Hochgebirge wandern beweist, das trotz des Traumas eine gewisse Energie in uns ist. Ich bin wieder in der Lage, Naturschönheiten, zumindest bei sonnigem Wetter, zu genießen, obwohl Jens sie nicht mehr sehen kann. Manchmal vermute ich, er sieht sie durch uns hindurch.
Mit seinem zweiten Bonmot über den Enthusiasmus als Lebenskraft (Wortlaut habe ich vergessen) kann ich allerdings wenig anfangen. Ich wende ein, dass es von den Lebensumständen abhängt, wie man sein Dasein bewältigt. Wichtig ist doch, dass man überhaupt dazu in der Lage ist. Die Begeisterung spiele dabei nur eine untergeordnete Rolle. Komischerweise versteht er mein französisches Wortgestammel.
Er schweigt und schaut uns solange an, bis es mir unangenehm wird und ich erkläre, dass wir unseren Sohn nicht weit von hier verloren haben. Er antwortet, dass er sich so etwas gedacht habe. Er habe die Flaggen der Opfer an der Stele bei Prads gesehen, und somit sei ihm klar, was uns in diese Gegend führt …
Zum Abschluss gibt er noch eine Schauergeschichte zum besten: Ein Schäferhund habe in der Region eine Wanderin angefallen, an dessen Folgen sie im Krankenhaus gestorben ist. Damit lässt er uns zurück, da ihn sein durchtrainierter Körper zu Höchstleistungen antreibt.
Auch wir brechen auf und erreichen nach einem Abstieg in 1368 m Höhe Pié Fourcha, dass sich etwa 1½ km von der Absturzstelle befindet. Den Ort mit den verbliebenen Steinmauern haben wir bereits mit Manfred und Heide vor einigen Tagen von Le Vernet aus erwandert. Er wurde einst von den Einwohnern verlassen, weil die Infrastruktur nicht stimmte. Es gab weder Strom noch eine Anbindung an das Straßennetz. Die Häuser verfielen und die Umgebung verwilderte.
Im Sommer des Jahres wohnten hier Jugendliche aus verschiedenen Ländern Europas in einem Camp, um die aus groben Steinen bestehenden   Wegbegrenzungen und den verfallenen Backofen wieder aufzubauen. Er soll funktionstüchtig hergestellt werden. Germanwings ist der Geldgeber für das Projekt. (Das folgende Video auf YouTube ist zwar auf Französisch, doch sprechen die Bilder für sich: Pié Fourcha.) In Haut Vernet (obere Teil des Dorfes) steht ein ähnlicher Ofen. Dort wird jährlich am Pfingstsonntag zu Ehren des Heiligen Pankratius (einer der fünf Eisheiligen) Brot gebacken, das die Dorfbewohner nach der Messe gemeinsam verspeisen. Es ist geplant, dass solch ein Picknick auch hier stattfinden soll.
Es gibt Bewohner von Le Vernet, die zum ersten Mal die Katastrophenregion nach dem Absturz betreten haben, weil sie sich für die Aufbauarbeiten der vereinsamten Ortschaft interessierten. 1½ Jahre scheuten sie vor dem Anblick ihrer geliebten Berge, in denen so Schreckliches geschah, zurück.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)


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