27.09.2016, Dienstag – der Schulmeisterweg (Prads 3)

♦ NEUNUNDSIEBZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Wenige Wolken bedecken den Himmel, die Sonne scheint. So brechen wir auf, um den sogenannten Schulmeisterweg und damit den Rundweg zu erkunden. Wir fahren mit unserem Auto die abenteuerliche Straße bergauf. Der anfängliche Asphalt weicht einem holprigem Schotterweg, der sich wie eine Schlange hinauf bis Saume-Longe (1500 m) windet und an der Stele mit den 149 Stäben vorbeiführt. Jedes Mal, wenn wir die Strecke nutzen, bin ich froh, keinen Gegenverkehr zu erblicken. Nicht weit von dem Denkmal befindet sich das idyllisch gelegene Bergdorf, von dem der Wanderweg abzweigt.

Wir stellen den Pkw auf einem Parkplatz ab, der nur drei Fahrzeuge aufnehmen kann. Sofort kommt eine Bewohnerin in entspannter Kleidung auf uns zu und fragt ohne weiteres Aufhebens, ob wir den Rundweg über den Schulmeisterweg erwandern wollen. Ich bejahe. Sie erklärt mit unwahrscheinlich vielen Worten, von denen ich nicht einmal die Hälfte verstehe, die Etappen der Strecke. Ein alter Herr sitzt auf dem Balkon eines halbverfallenen Hauses und lächelt zu uns herunter. Saume-Longe hat nur einen permanenten Einwohner. Das muss er sein. Zwei oder drei Frauen halten sich hier nur zeitweise auf. Allerdings wird der einzige Bewohner von der Gemeinde gezwungen, im Winter den Wohnort zu verlassen. Für sie lohnt es nicht, den alleinigen Zufahrtsweg von den Schneemassen zu befreien.
In der Nähe des Gebäudes entdecken wir den Beginn des Schulmeisterweges. Er führt direkt zum vereinsamten Weiler Pié Fourcha (1368 m).
Einst nutzte ein Lehrer den Weg, um die Schüler in den verstreuten Bergortschaften zu unterrichten. Kurz nach dem Wegweiser mit der Aufschrift »Chemin de l’Instituteur« beginnt der Wanderweg mit einem in Fels gehauenen Pfad, dessen linke Seite steil in eine bodenlos wirkende Tiefe stürzt.
Die erste Reaktion: Wir scheuen zurück.
Es ist eine Angelegenheit des Kopfes, die Urangst vor dem Abgrund zu bewältigen. Glücklicherweise siegen wir beide im Kampf gegen die inneren Blockaden, die sich anstrengen, die Beine zu lähmen.

Die Schönheit der folgenden Bergwiesen und der sie umsäumenden Gipfel belohnt uns.
Wir treffen auf einen Wanderer, dessen Französisch ich erstaunlich gut verstehe, denn oft kenne ich die Bedeutung des angewandten Vokabulars nicht. Wie das funktioniert ist mir unverständlich. Es erfolgt intuitiv. Er spricht mit einer Betonung, die aufhorchen lässt, und ist offensichtlich ein Schöngeist der Worte. Ein Schauspieler oder Schriftsteller? Er wandert mit zügigerem Schritt, sodass wir uns verabschieden. Rasch ist er zwischen den Felsen verschwunden.
Plötzlich flattern blaue Schmetterlinge ein Stück des Weges vor uns her. Besonders die blaufarbenen sind für uns zu einem Symbol für Jens geworden. Oft sehen wir diese verwandlungsfähigen Wesen in der Natur. Die Blauen tauchen allerdings seltener auf. Und so freuen wir uns über seinen Gruß und die Botschaft, dass er uns auf der Wanderung begleiten wird.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)


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