26.09.2016, Montag – Prads-Haute-Bléone (Prads 2)

In der Nacht stehe ich einige Male auf und bewundere von der Terrasse aus den Sternenhimmel. Momentan sind wir auf dem Campingplatz die einzigen Bewohner. Es herrschen die absolute Ruhe und Dunkelheit, die der nächtlichen Natur eigen sind, allerdings wegen Lärm- und Lichtverschmutzung oft nicht mehr wahrgenommen werden, wenn die Menschen es denn überhaupt wollen. Strahlend stechen die Sterne aus dem stockschwarzen Himmel hervor, bilden helle Bahnen, ballen sich zu Gruppen zusammen oder leuchten einzeln mit immenser Kraft auf mich hernieder. Ich genieße das Wunder und danke meinem treuesten Feind, der Schlaflosigkeit.
Kaum bin ich wieder ins Bett gekrochen, verfalle ich in einen leichten Schlaf. Ich träume von Jens, das zweite Mal während unseres Aufenthaltes in Südfrankreich: Wir sind im Hochgebirge und mein Mann ist schwer verletzt. Ein Rettungshubschrauber taucht zwischen den Bergen auf. Jens ist der Pilot. Er bedient einen überdimensionalen Steuerknüppel und hat die Ohren mit Kopfhörern geschützt. Er sucht uns. Ich winke ihm, gebe Zeichen, bis er uns entdeckt. Er lacht sein lebendigstes Lachen, er lebt, ich bin so froh.
Mit keuchendem Atem wache ich auf. Trotz Stille und Dunkelheit bin ich unruhig. Zunächst bin ich tieftraurig, dass alles nur ein Traum gewesen sein soll. Es folgt die freudige Erkenntnis, er existiert, er ist nicht vollständig verschwunden und teilt uns mit, dass es ihm gut geht. Er hält nach uns Ausschau und findet uns. Wir können miteinander in Kontakt treten. Doch warum der übergroße Steuerknüppel? Ist es eine Anspielung auf den Copiloten, der im Cockpit von Flug 4U9525 saß? Er stört die anfängliche Harmonie, denn wir wünschen, dass sämtliche Vorgänge, die sich um den Todesflug ranken, aufgeklärt werden. Eher finden wir keine Ruhe.
Der Tag beginnt mit blauem Himmel, es ist kühl. Erst am Vormittag wird die Sonne die Gipfel der östlichen Berge überwinden, um ihre wärmenden Strahlen im Tal zu verbreiten.
Wir sitzen auf der Terrasse. Nina’s Mann Yvan bringt uns ein frisches Baguette. Sie waren in Digne und haben an uns gedacht. Die Einkaufsmöglichkeiten sind in Prads, insbesondere außerhalb der Saison, ungünstig.
Durch das Auto sind wir beweglich, außerdem versorgen uns Nina und Yvan mit Backwaren. Täglich fahren sie die Bergstraße hinab ins Tal, um ihr Kind in die Schule zu bringen, die sich in einem größeren Ort befindet. Ein Schulbus kommt hier oben nicht vorbei. Natürlich kann witterungsbedingt der Unterricht ausfallen.
Auf jeden Fall kümmern sich die beiden um uns. Im Vorfeld haben wir uns mit haltbaren Lebensmitteln eingedeckt.
Hin und wieder soll auch ein Fahrzeug kommen, dass Brot sowie Obst und Gemüse aus eigenem Anbau mitbringt.
Yvan ist Franzose und wenn er deutsch spricht, mag ich seinen Akzent. Er unterrichtet in der speziell dafür vorgesehenen Jurte Yoga, begleitet Interessenten auf Bergtouren zu Fuß oder mit hauseigenen Eseln.
Im Ort, den man mit wenigen Schritten erreicht, gibt es ein Restaurant. Wir wählen die Außensitze mit tollem Blick auf die Berge. Eine Speisekarte existiert nicht, sie wird uns unbedarften Ausländern mündlich in französischer Sprache vorgetragen. Obwohl die freundliche Bedienung viel Geduld mit uns zeigt, ist das eine Herausforderung. Endlich stehen die Gerichte auf dem Tisch.
Der Gaststättenhund schleicht um uns herum. Die Hündin möchte liebkost und gefüttert werden. Sie ist schwanger und die Kellnerin weiß nicht, wohin mit den zu erwartenden Babys.
Als wir am Tresen bezahlen wollen, betritt Monsieur Bartolini, der Bürgermeister von Prads, das Restaurant. Sofort erkennt er uns und grüßt mit den üblichen Küsschen auf die Wangen. Wir unterhalten uns. Schließlich holt er aus der Mairie, dem Bürgermeisteramt, das sich gegenüber der Straße befindet, Prospektmaterial, anhand dessen er uns die nähere Umgebung erklärt. Wert legt er auf den Schulmeisterweg, den wir unbedingt wandern sollen. Er ist in einem Rundweg integriert, der an der Absturzstelle vorbeiführt.

Wir besichtigen den malerischen Ort, der sich teilweise an einem Hang entlang schlängelt. Wir gehen eine schmale Gasse steil bergauf, um den Friedhof zu besuchen. ›Hier möchte ich auch begraben sein‹, denke ich spontan.

Die Gräber schmiegen sich an den Berg und schauen hinab ins Tal. Es ist ein herrlicher Ausblick. Der Platz strahlt eine majestätische Ruhe aus.
An der Hauptstraße erinnert eine Gedenktafel an den Flugzeugabsturz. An dem hohen Mast weht eine Fahne, auf der die Flaggen der Opfernationalitäten zusammengefasst sind.


Das Gebäude des Bürgermeisteramtes ist schlicht und fällt nur durch die Beflaggung auf. Hier mussten die 149 Sterbeurkunden für unsere Lieben ausgestellt werden, denn das Absturzgebiet gehört zur Gemeinde Prads. Die Mitarbeiter müssen tüchtig überfordert gewesen sein, Fehler hat es gegeben. Der Ort umfasst nur 187 Einwohnern (Stand 1. Januar 2014). Jährlich wird er nur ein oder zwei Tote zu beklagen haben.
Den restlichen Tag verbringen wir vor dem Chalet. Nina setzt sich zu uns. Auch sie legt uns den Schulmeisterweg erneut ans Herz. Sie erklärt, dass man ihn im März 2015 begonnen habe, auszubauen, und zwar nur wenige Wochen vor dem Absturz. Ein merkwürdiger Zufall! Lufthansa beschleunigte danach den Ausbau mit Fördergeldern.
Prads liegt an einem Fluss, der Bléone. Ihm statten wir einen Besuch ab. Ihr Flussbett zeigt durch das weite Geröllfeld an, dass sie zu einem tosenden Strom anwachsen kann.

16.09.26_Blèonew_171436 (1024x576)In der Nähe spielen Senioren Boule. Der Abend kündigt sich mit einer Gänsehaut auf meinen Armen an.
Wir beschließen, morgen den vorgeschlagenen Rundweg kennenzulernen. Die Wetterprognose ist günstig.
© Brigitte Voß


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