25.09.2016, Sonntag – Abschied und Ankunft (Prads 1)

Der erste Teil unseres Aufenthaltes in den französischen Alpen neigt sich dem Ende zu. Wir verabschieden uns von den Vermietern der Ferienwohnung in Le Vernet, um nach Prads-Haute-Bléone zu fahren. Dabei lernen wir den Partner von Françoise kennen, der uns voller Mitgefühl betrachtet. Ich beantworte wahrheitsgemäß ihre Fragen hinsichtlich der Unterkunft. Sie hat uns gefallen, und wir werden unbedingt wiederkommen.
Sie möchten hören, wie es uns in den Bergen ergangen ist, denn sie wissen von dem Vorhaben, direkt bis zur Absturzstelle zu wandern. Wir hatten es ihnen erzählt. Ich versuche, »mit Händen und Füßen« sowie Wortumschreibungen, da mir das passende französische Vokabular fehlt, die Gründe zu erklären, die ich in den vorhergehenden Blogbeiträgen bereits beschrieben habe. Wider Erwarten verstehen sie gut. Nicht nur den Inhalt, sondern auch das Warum. Sie betonen, dass sie ständig an uns denken mussten. Nicht nur sie bemerkt, dass ihr Mann den Tränen nah ist. Ihr freundliches »allez« fordert uns auf zu gehen.
In La Javie legen wir eine Rast ein, um zu Mittag zu speisen. Der Kellner erklärt mit einer Himmelsgeduld das Angebot auf der französischsprachigen Karte. Immerhin kann er von eins bis zehn auf Deutsch zählen, was wir gehörig loben.
Er muss die Gerichte über die D 900 balancieren, da sich die Freisitze auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Restaurants befinden. Das ist nicht ungefährlich, da der Verkehrsweg einen 90-Grad-Knick macht, der für ihn absolut uneinsichtig ist. Als wir anfangs noch in Bussen mit Polizeieskorte nach Le Vernet gefahren wurden, hatte ich die Geschicklichkeit der Fahrer bewundert, diese Kurve zu nehmen. Einer musste sogar zurückstoßen.
Immer wieder beobachte ich die unübersichtliche Stelle an der verkehrsreichen Straße. Wenn einer der Lenker zu schnell ist oder nicht aufpasst, würde das entsprechende Fahrzeug direkt auf unseren Tisch zurasen …
Auf der engen Bergstraße nach Prads kommt ein lichthupendes Auto entgegen. Wir erkennen die Halterner Eltern, denen wir kürzlich begegnet sind. Glücklicherweise befinden wir uns in einer Ortschaft, sodass wir in einer Straßennische aussteigen können, um uns zu unterhalten. Das Redebedürfnis über die Katastrophe ist auf beiden Seiten groß. Wie habt ihr Weihnachten verbracht? … Habt ihr geschmückt? … Nein, kein Weihnachtsbaum, kein Adventschmuck. … Überhaupt waren die Feiertage fürchterlich … Aber die Geburtstage der Kinder sind das Grausamste. Sie zeigt mir ein Foto eines Grabschmuckes, den sie zum Geburtstag ihrer Tochter anfertigte. Unsere Gefühlslagen in verschiedenen Situationen ähneln sich. Wir wünschen uns Kraft, bevor wir uns zum Abschied umarmen.
Die Straße schlängelt sich durch eine faszinierende Berglandschaft stetig bergauf. Wir erreichen das Ziel, den Zeltplatz »Mandala« in Prads, mit dessen Eigentümerin Nina wir beim letzten Besuch Ende Juli gesprochen hatten. Sie zeigt uns das Chalet, die eingebaute Dusche und die vier Betten. Hütte und Inneneinrichtung sind aus massivem Holz gefertigt, alles Öko. Wir können in der Küchenzeile kochen sowie von der Terrasse die Aussicht genießen und das Zeltplatzgelände überblicken. Exotisch nehmen sich die mongolischen Jurten aus, die man mieten kann. Dazwischen haben Wohnwagen und Zelte Platz. Allerdings sind wir zu dieser Jahreszeit nahezu die einzigen Gäste. Der autofreie Campingplatz dient der Ruhe und der Entspannung in der Natur. Dem Konzept getreu, gibt es auch kein Wlan. Yogastunden werden angeboten.

Dahinter thront das weitläufige Massiv Trois-Évêchés, das zum Grab von 149 Menschen wurde. Die Absturzstelle können wir nicht sehen. Der höchste Berg der Gruppe, der Tête de l’Estrop ragt mit seinen 2961 m aus ihr empor.
Am Abend wird es empfindlich kalt.
© Brigitte Voß


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