23.09.2016, Freitag – Zeichen (Le Vernet 6)

Wir kommen mit einem Einheimischen ins Gespräch. Er berichtet von seinen Eindrücken über die Germanwings-Katastrophe, die ihn sehr bewegen. Zum Zeitpunkt des Absturzes hielt er sich im Freien auf und hörte ein merkwürdiges Geräusch. Später, als er wusste, was geschehen war, nahm er an, dass es die Mirage gewesen sein könnte, die vom Stützpunkt in Orange aufstieg, nachdem der Kontakt zum Airbus A 320 abgebrochen war.
Journalisten hätten ihn bedrängt, Interviews zu geben, die er ablehnte. Er wollte mit den Medien nichts zu tun haben. Eine französische Boulevardzeitung habe sogar Fotos vom Inneren des Gedenkraumes veröffentlicht. »Pietätlos«, nennt er das. Wir stimmen vehement zu. Die Worte sprudeln aus ihm heraus. Auf der Terrasse eines Freundes standen Scharfschützen, um das Terrain der Umgebung der Stele zu bewachen. Dieser hätte von seinem Grundstück aus die ankommenden trauernden Familien und die jeweiligen Flaggen ihrer Nationalitäten gesehen, die bei den anfänglichen Besuchen auf der Wiese zwischen Bergkette und Stele gezeigt wurden. Die Ankunft der geschockten Angehörigen und überhaupt das Drama, das sich hinter ihren geliebten Bergen ereignete, haben bei ihm und den Bewohnern der Region gravierende Spuren hinterlassen.
Als der Präsident François Hollande und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und weitere Politiker am Tag nach dem Absturz nach Le Vernet kamen, herrschte überall der Ausnahmezustand.
Schließlich weist er auf seine Begleiterin und sagt, dass sie mit anderen Frauen die vielen Blumen, die die Familien vor der Stele ablegten, abends hereinholte, damit sie in den empfindlich kalten Nächten nicht erfrieren mussten. Bei dieser Nachricht werden meine Augen feucht, obwohl der Fakt durchaus bekannt ist. Jetzt steht mir zum ersten Mal eine Helferin gegenüber. Spontan falle ich ihr um den Hals und bedanke mich. Sie wehrt zwar die Dankesworte ab, doch merke ich, wie sie sich darüber freut.
Zur Abendbrotzeit treffen wir Angehörige, die kürzlich angereist sind und in dem Hotel von Le Vernet übernachten. Sie trauern um den Tod einer jungen Frau – er um seine große Liebe, sie um die Schwiegertochter, deren Vater ebenfalls mit der Germanwings-Maschine abstürzte. Wir sitzen in einem Restaurant und reden über dies und jenes. Plötzlich zückt sie ihr Handy, um uns Fotos zu zeigen. Dabei erzählt sie, dass sie Zeichen ihrer Schwiegertochter empfange und weist auf die entsprechenden Aufnahmen. Es sind herzenförmige Gebilde auf Tassenböden, die sich entwickeln konnten, weil sie nicht sofort abgewaschen wurden. Beim Antrocknen hinterließen die Getränkereste derartige Formen. Sie präsentiert uns zwei oder drei solcher Herzen.
Sie wischt auf dem Touchscreen ein anderes Foto herbei, dass mit etwas Fantasie ebenfalls ein Herz erkennen lässt, das während des Erkaltens von Kerzenwachs entstanden ist.
Mir fallen ähnliche Fotos ein. Eine Mutter, die ihren Sohn verlor, fotografierte eine Bergkette (von Le Vernet?) und erfasste darüber eine Wolkenformation, in der man ein Herz sehen konnte.
Erst vor wenigen Wochen bekam ich per WhatsApp ein Bild von und mit Beate zugeschickt, die einen Ort aufsuchte, an dem sie eine glückliche Zeit mit ihrer Schwester verlebte, die ebenfalls in dem verruchten Airbus saß. Zoomt man die Aufnahme näher, erkennt man eine feine Linie, die ihre Kontur von Kopf bis Arm detailgetreu nachzeichnet. Ihr Kommentar: »Meine liebe Schwester ist bei mir.«
Ein ausländisches Paar, dem die Tochter durch die Katastrophe entrissen wurde, veröffentlichte in einem Netzwerk einen kreisrunden Regenbogen, den sie vom Flugzeug aus fotografierten. In der Mitte des Phänomens sieht man den Schatten des Fliegers. Ein wahrhaft mystisches Bild, dass sie sofort mit ihrem toten Kind in Verbindung bringen.
Denken die Verstorbenen an uns?
Derartige Zeichen können für viele, die ihnen Nahestehende überleben, ein tiefer Trost sein, ob sie nun daran glauben oder auch nicht. Es gibt nicht nur Fotos, sondern ebenso Erlebnisse, die angesichts des Todes eines geliebten Menschen merkwürdig erscheinen. Oft existieren logische Erklärungen, vorausgesetzt sie werden überhaupt zugelassen. Ist es nicht ein erhebendes Gefühl zu ahnen, dass sie in einer fremden Welt und Lebensform weiterleben, dass sie versuchen, uns Grüße zukommen zu lassen, damit wir wissen, ihnen geht es gut?
© Brigitte Voß


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