Heute begeht eine der beiden iranischen Opfer-Familien den Geburtstag ihres toten Sohnes. Milad Hojjatoleslami stürzte mit seinem Kollegen mit der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen ab. Sie arbeiteten als Sportjournalisten und verfolgten deshalb das Fußballspiel zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid in Barcelona.
Gestern trafen wir die Familie zufällig in Le Vernet. Sie wohnen in einem der Hotels in Aix-en-Provence oder Marseille und nehmen den Weg mit einem Shuttle in die Berge auf sich. Wir kennen sie von früheren Begegnungen. Die Begrüßung fiel herzlich aus. Wir erfuhren, dass sie an diesem Tag wieder in das Bergdorf kommen, um den zweiunddreißigsten Geburtstag ihres toten Milad zu begehen. Sie luden uns ein. Wir verabredeten uns in der Niederlassung der Lufthansa, die sich nahe der Stele neben dem Gedenkraum befindet.
Auf dem Weg dorthin pflücken wir Blumen und Zweige mit blauen und roten Beeren. Im Büro stellen wir sie in ein kleines Glas, das wir in der Ferienwohnung als Vase auftreiben konnten. Heide und Manfred sind schon eingetroffen. Beide schlürfen Kaffee, wobei sie mit den Teekerzen auf einer mit Silberpapier überzogenen Unterlage eine Zweiunddreißig formt. Die Mitarbeiterin reicht uns Tassen und gießt ein. Wir sind jederzeit willkommen. Sie helfen, wenn wir Probleme haben, halten die Gedenkstätten vor Ort in Schuss, leiten Projekte in der Region, usw. Es sind zwei Deutsche, die fließend Französisch sprechen, und ein Franzose. Von ihnen erfährt man wissenswerte Dinge, die mit dem Absturz zusammenhängen, sowie Interessantes über Land und Leute.
Uns ist bekannt, dass sich der Gedenkraum in der ehemaligen Schule befindet. Doch was ist aus den Lernenden geworden? Und so erfahren wir, dass es bereits vor dem Flugzeugabsturz eine beschlossene Sache war, die Einrichtung aus budgetären Gründen und wegen zu geringer Schülerzahl zu schließen. Was für eine glückliche Fügung für die Kinder. Ansonsten hätten sie sich viel zu oft dem traurigen Anblick von uns Angehörigen aussetzen müssen. Die Bergkette vor dem Gebäude hätte sie zudem stets an die Katastrophe erinnert. Sie lernen jetzt in Seyne-les-Alpes.
Wir sitzen vor dem Lufthansabüro an einem Tisch. Die Sonne prasselt auf uns hernieder. Wir warten lange auf die iranische Familie, leider vergebens. Ich habe durch meine Kontakte mit Ausländern gelernt, dass die Pünktlichkeit oft nur eine untergeordnete Rolle spielt, ohne dass das böse gemeint ist. Vielleicht ist ihnen auch etwas dazwischengekommen.
Am Nachmittag treffen wir uns mit Heide und Manfred vor der Kirche, um anschließend durch den Wald zu wandern. Zuvor wollen wir dem Grab einen Besuch abstatten. Als wir die Metalltür zum Friedhof passieren, stoßen wir auf die iranischen Hinterbliebenen, deren Sohn hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Sie kommen auf uns zu. Mit den Eltern können wir uns nicht direkt unterhalten, doch sie freuen sich. Das zeigen die lang anhaltenden Umarmungen der gesamten Familie. Die Schwester des verstorbenen Milad spricht Englisch und der Onkel sogar ein gutes Deutsch.
Der Sarkophag ist mit Blumensträußen, den Fotos beider Journalisten, mit zwei Laternen und der von Heide erschaffenen Zweiunddreißig aus Teelichtern geschmückt. In der Mitte des Ensembles steht erhöht die Geburtstagstorte. Sie vermittelt offensichtlich die Nähe zum Sohn. Seine Besucher sind mit ihm, und er ist unter uns. Sie laden uns ein, später im Büro der Lufthansa von der Himbeertorte zu kosten.
Es ist sehr heiß. Die Frauen tragen ein Tuch um den Kopf, ihre Haut ist weitgehend durch sportliche Kleidung verhüllt, während Heide und ich leichte Tops anhaben, damit der Wind den Körper direkt umfächeln kann. Keiner stört sich deswegen am Gegenüber. Gemeinsam ist die Trauer um den Verlust, der in unsere Familien gerissen wurde, egal, welcher Religion und welcher Kultur wir angehören. Sie umspannt den gesamten Erdball.
© Brigitte Voß
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