Die Morgenluft weht kalt auf dem Balkon ins Gesicht. Am Hang gegenüber weiden weiße Kühe. Der Himmel zeigt Wolken, die immer wieder vom Wind weggepustet werden und die Sonne freilegen. Das Wetter ist ideal, um in den Bergen zu wandern. Wir wollen zur Absturzstelle.
Es ist ein denkwürdiger Tag, vor allen Dingen für Manfred und Heide. Ihr Lutz würde heute den fünfzigsten Geburtstag feiern, hätten er und seine Gefährtin nicht den Flug 4U9525 nach Düsseldorf gebucht. Sie wussten nicht, dass ihre Bordkarten den Weg in den Tod ebneten.
Wir fahren mit den beiden Freunden per Auto bis zur ersten Schranke, wo wir es stehen lassen müssen, und steigen die unbefestigte Piste bergauf.
Etwas außer Puste erreichen wir in fünfunddreißig Minuten den Col. Wir sind gut in Form.
Ab dem Pass beginnen links des Weges die Aussichten auf das V-förmige Felsengebilde, das zum Grab für Passagiere und Crew wurde. Die Gespräche geraten ins Stocken. Der Anblick ist stets aufwühlend. Ich weiß selbst nicht, wieso man sich dem freiwillig aussetzt und sogar bis zur Absturzstelle wandert. Erklärungsversuche: Der Ort zieht magisch an, da wir zum einen die Nähe zu unseren Söhnen fühlen, und zum anderen, weil wir versuchen, wenigstens ansatzweise das Schreckliche verstehen. Dadurch, dass wir uns in der Katastrophenregion aufhalten, wissen wir, wie es in der Gegend aussieht. Wir nehmen die Bilder im Kopf und auf Fotos gebannt mit nach Hause. Sie sind mit all den Erinnerungen an den jeweiligen Aufenthalt zu jeder Zeit abrufbar. Bisweilen höre ich dabei den Bach glucksen oder spüre, wie plötzlich auftauchender Wind mich umfächelt. Das kann sogar die Stimmung heben. In solchen Momenten weiß ich genau, Jens hat in einer abgeschiedenen, wunderschönen Natur seine ewige Ruhe gefunden. Was bleibt mir weiteres übrig, denn ein Aufwachen aus dem Albtraum gibt es nicht.
Langsam setzen wir den Weg fort, bleiben stehen und schauen auf die veränderten Perspektiven, die sich uns bieten. Manchmal läuft jeder für sich allein. Schließlich überwinden wir den Metallzaun und betreten die verbotene Region. Die restlichen Meter steigen wir über Geröll, Felsen und queren einen Wasserlauf.
Immer wieder heben wir den Kopf zum Markierungsstab, der den Aufprall des Airbusses kennzeichnet.
Es ist möglich, sogar hinaufzuklettern. Der herabhängende Strick fordert zum Hochhangeln heraus.
Ich begnüge mich, durch den Bach bergauf zu stiefeln, und grübele, was sich in den letzten Lebenssekunden im Flugzeug abgespielt haben mag. Was haben sie zuletzt gesehen? Erkannten sie überhaupt etwas? Vermutlich war alles nur ein verwischtes Gebilde, das Augen und Gehirn nicht mehr auseinandernehmen konnten, weil die Maschine mit Höchstgeschwindigkeit ihrem mörderischen Ziel entgegenraste und die Uhr im Zeitraffertempo tickte. Allerdings spielt sich diese Szenerie in meiner Vorstellung in extremer Zeitlupe ab. Die Erfahrung lehrt, dass derartige Grübeleien zu keinem Ergebnis führen. Trotzdem hoffe ich jedes Mal auf den entscheidenden Blitz einer Erkenntnis.
Die Männer steigen im Geröll herum und entdecken immer noch Spuren des Dramas. Wie beim vorhergehenden Besuch, liegen vereinzelte Flugzeugsplitter zwischen dem Gestein. Draht wurde durch die Wucht des Aufpralls tief in die verhärtete Erde gepresst und einige rote Enden ragen bei genauerem Hinsehen heraus.
Nachdem wir den wahrhaft steilen Abschnitt zu Beginn des Rückweges bewältigt haben, kommen wir wieder intensiver ins Gespräch. Die Themen kreisen um den Absturz, ob und was wir von unseren Kindern träumen, usw., doch im Vordergrund steht Lutz mit seinem runden Geburtstag. Sie sagen, dass die Familie normalerweise bei solch einem Jubiläum eine Party mit vielen Gästen feiern würde, denn er hatte eine Unmenge an Freunden. Sie erzählen von ihm, was für einen Charakter er hatte. Wir lernen einen ausgesprochen sympathischen Menschen kennen. Leider werden wir ihm nie mehr begegnen können.
Am Abzweig studieren wir die Wegweiser und beschließen spontan, noch bis Pié Fourcha zu wandern. Uns empfängt ein romantischer, verlassener Weiler mit knorrigen Bäumen, die ihr Alter nicht verbergen. Das Dorf liegt direkt am Gebirgsbach Galèbre. Es besteht aus verfallenen Blocksteinhäusern, von denen nur die Grundmauern zu sehen sind. Die Steine sind lose aufeinandergeschichtet. Das Bett des Baches ist weit und lässt ahnen, dass hier bei entsprechender Witterung tosende Wassermassen ihren Weg
finden. So idyllisch dieser Ort auch ist, das Tal des Galèbre erinnert mich daran, dass der Wahnsinn das Flugzeug bereits in sehr geringer Höhe den Wasserlauf entlang getrieben hat.
Wir treten den Rückweg an und sind schließlich froh, wieder im Auto zu sein.
Im Ort angekommen, gehen wir gemeinsam an die Stele und in den Andachtsraum. Nachdem wir unseren Kindern an den entsprechenden Ablagen einen Besuch abgestattet haben, nehmen wir in den Sesseln Platz, die um den Tisch herum stehen. Am Morgen hat Heide auf einer selbst angefertigten Unterlage eine Fünfzig aus Teekerzen geformt. Dazwischen angeordnete Schlehenzweige verschönern das Gesamtbild.
Sie zündet die Kerzen an.
Lange sitzen wir und sprechen zunächst wenig. Die feierliche Atmosphäre nimmt uns gefangen.
© Brigitte Voß
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