Im Gedenkraum sind wir mit den Toten allein. Wie immer befällt uns eine beklemmende Schwermut, wenn wir diesen Raum betreten, aber auch eine gewisse Freude, hier sein zu dürfen.
Wir füllen den Platz auf der Ablage, der für Jens vorgesehen ist, mit aktuellen Mitbringseln aus der Heimat auf und hoffen, dass er sich darüber freut.
Ich setzte mich in einen der bequemen Sessel, die den Tisch in der Mitte umrunden und nehme das Büchlein zur Hand, das vor mir liegt. Darin lese ich die traurigen Einträge, die die Angehörigen an ihre lieben Verstorbenen hinterlassen haben. Es sind Worte der Trauer und des Vermissens, die auch mir zu Herzen gehen, obwohl ich dasselbe Leid erfahren musste und eine von ihnen bin. Die Zellstofftaschentücher liegen griffbereit neben dem Stiftebecher.
Die Zeit tickt unbeirrt vorwärts. Ich weiß nicht, wie lange wir bereits hier sind. Schritte kommen näher. Ich richte mich auf. Wir beobachten durch die verdunkelten Scheiben ein Paar, das zielgerichtet auf die Tür des Gedenkraumes zusteuert. Wir kennen die Personen nicht. Außerdem, so wie sie sich verhalten, gehören sie nicht zum Kreis der Hinterbliebenen, die Opfer zu beklagen haben. Nachdem sie mehrfach vergebens die Türklinke niedergedrückt haben, beugen sie sich vor und kneifen die Augen zusammen, um eine Sicht durch die Fenster zu erhaschen.
Obwohl wir sie problemlos sehen, ahnen sie nicht, dass wir uns im Raum aufhalten. Die Scheiben schützen, indem sie wissbegierige Blicke, die sie von Außen zu durchdringen trachten, nicht hindurchlassen. Die Personen entfernen sich. Ich atme auf. Ich brauche keine Zuschauer, wenn ich bei den Opfern bin. Dies ist unser geschützter Bereich. Er ist intim.
Erneut versenke ich mich in ein Foto von Jens.
Unerwartetes Rütteln an der Tür. Wieder stehen unbekannte Leute davor und begehren temperamentvoll Einlass. Sie dreschen wie Holzhacker auf der Tastatur zur Eingabe des Öffnungscodes herum, den nur wir Angehörige kennen. Der rechte Türrahmen bleibt auch nicht verschont. Auf ihm wird herumgeschlagen. Das habe ich noch nie erlebt. Was ist nur heute los? Ich verspüre den Drang, mit einem Ruck die Tür aufreißen, wütend mit den Augen rollen und irgendeinen fürchterlichen Zorneslaut von mir zu geben. Diese ätzenden Störenfriede würden wahnsinnig erschrecken, weil sie niemanden im Raum vermuten.
Endlich gehen sie weg. Und endlich Ruhe!
Wir füllen eine Vase mit Wasser auf und stecken Blumen hinein, um die Stele damit zu schmücken.
Auf dem Rückweg begleiten uns zwei Hunde. Einer reicht mir bis zur Hüfte und ist sehr zottig. Er versteht sich offensichtlich gut mit dem kleineren Artgenossen. Stoisch laufen sie neben uns her, suchen hin und wieder Streicheleinheiten zu erhaschen, bis wir auf dem Campingplatz eintreffen. Wir statten Heide und Manfred einen Besuch ab.
Der Zeltplatz Lou Passavou liegt inmitten von Le Vernet. Man kann seine Gäste als fest etablierte Gemeinde innerhalb der Bergbewohner ansehen. Läuft man durch die Reihen der Campingwagen und Hütten, erkennt man an den Autokennzeichen, auch an den Sprachfetzen, die durch die Luft hallen, rasch, dass die Mehrzahl der Urlauber aus den Niederlanden kommt. Das verwundert nicht, wenn man weiß, dass das Paar Ed und Astrid, die auf dem Platz das Sagen haben, aus diesem Land stammen. Ihr großer Vorteil für uns liegt darin, dass sie sympathisch sind und dazu noch deutsch sprechen. So erklären sie uns, dass die beide Hunde zum Inventar des Ortes gehören, und für ihr Mitlaufen bekannt sind.
Wir sitzen mit Heide und Manfred vor dem Wohnwagen, trinken Kaffee und essen französischen Apfelkuchen. Die Themen kreisen um den Absturz und die Folgen für die hinterbliebenen Familien, Partner, Freunde, Arbeitskollegen, und weitere Bekannte. Die Zahl der so Betroffenen muss bei 149 Opfern enorm hoch sein.
Plötzlich sagt Manfred: »Unsere besten Zeiten sind vorbei.«
Er hat recht. Obwohl eine Vielzahl von Menschen sich erst im Rentenalter frei genug fühlt, um ihre Lebensträume zu verwirklichen und auch zu genießen (vorausgesetzt, sie sind einigermaßen gesund), werden wir niemals wieder so unbeschwert durch das Leben laufen wie vor dem Absturz. Die Erinnerung an die Katastrophe wird selbst die fähigsten Verdrängungskünstler unter uns begleiten und sich in irgendeiner Form bemerkbar machen. Ob klar oder unbewusst, der grausame Tod unserer Lieben umgarnt uns wie ein transparenter Dunkelschleier.
Die beiden fordern uns auf, übermorgen mit ihnen gemeinsam zur Absturzstelle zu wandern, denn es ist der 50. Geburtstag ihres Lutz. Natürlich sagen wir zu.
Die Luft wird empfindlich kalt. Der Abend naht. Wir kehren in das Quartier zurück.
© Brigitte Voß
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