16.09.2016, Freitag – Begrüßung (Le Vernet 2)

Vergangene Nacht habe ich plastisch von Jens geträumt.
Er saß neben mir am Tisch, lachte in die Runde und wollte gerade in das Gespräch eingreifen, als ich ihn unterbrach und sagte: »Das ist aber schön, dass du zurückgekehrt bist.« Er wirkte so lebendig, zum Greifen nah. Ich freute mich wahnsinnig und streckte meine Arme aus, um ihn zu umarmen. Bei der ersten Berührung zerfiel sein Körper und löste sich in Luft auf.
Mit schwerer Atmung wachte ich auf. Immerhin dauerte der Schlaf fünf Stunden am Stück, womit ich vollkommen zufrieden bin.
Ich versuche, den Traum positiv zu deuten. Möglicherweise wollte Jens zeigen, dass er bei uns ist. Sein Lachen drückt aus, dass er sich wohlfühlt, und das Zerfallen ins Nichts, dass er in einer anderen Welt weilt. Man biegt sich eben vieles so, wie man es braucht. Trotzdem mir das bewusst ist, geht es mir damit besser.

Die in der Nähe befindliche Kirche hat die Nacht brav geschwiegen. Punkt 8 Uhr beginnt sie ihr Tageswerk und gongt durch das Tal. Wir können sie samt Friedhof von dem geräumigen Balkon der Unterkunft aus sehen. Allerdings ist die Sicht auf das Grab für die nichtidentifizierbaren Teile der Opfer durch die Friedhofsmauer behindert. Auf der östlichen Seite erstreckt sich der Bergkamm des Ubac, an dessen Rückwand das Flugzeug unmittelbar vor dem Aufprall entlang flog.

Es muss sich bereits in einer sehr geringen Höhe befunden haben, denn niemand in Le Vernet will die abstürzende Maschine weder gesehen noch gehört haben. Letzteres kann ich mir kaum vorstellen, auch wenn erklärt wird, die Felsen hätten die Absturzgeräusche vollkommen verschluckt.
Die Ferienwohnung ist rustikal und geräumig. Sie passt zu uns.
Mittags speisen wir im Café du Moulin, das bereits durch seine freundliche Bedienung Sympathie verbreitet. Das Essen schmeckt, die übliche Karaffe auf dem Tisch, gefüllt mit Trinkwasser, ist willkommen. Sie gehört wie das Baguette zu Frankreich. Dieser Brauch müsste auch in Deutschland eingeführt werden.
Der Bürgermeister von Le Vernet Monsieur Balique betritt plötzlich den Raum. Er geht durch das Lokal, bleibt an einigen Tischen stehen, um mit den Gästen, die er offensichtlich kennt, zu sprechen. Wahrscheinlich handelt es sich um Einheimische. Ein Aufflackern in seinen Augen zeigt, dass er uns ebenfalls erkennt. Das ist erstaunlich, da er unmittelbar nach der Flugtragödie zahlreiche tränenreiche Gesichter sah. Er versuchte, die Hinterbliebenen, die er bei den Besuchen vor Ort begrüßte, zu trösten. Wir lernten ihn während des ersten Aufenthalts in Le Vernet, nur wenige Tage nach dem Absturz, kennen. Er empfing uns, sprach Worte des Beileids und der Aufmunterung und erklärte genau, wo das Flugzeug hinter der Bergkette abstürzte.
Schließlich gelangt er zu uns, grüßt mit den üblichen Küsschen auf die Wange und fragt so einiges, wie es uns geht, wo wir hier wohnen, usw. Ich verstehe ihn leidlich, immerhin kommt ein Dialog zustande.
Wir suchen den Friedhof auf. Wir legen auf die Seite der beiden Namenstafeln, auf der der Name von Jens geschrieben steht, Souvenirs vom Nordseestrand ab, zwei riesige Muscheln, die wir für ihn gesammelt und mitgebracht haben. Er liebte das Meer und nahm oft am Sundschwimmen zwischen Altefähr auf der Insel Rügen nach Stralsund auf dem Festland teil. Das waren wunderbare Zeiten.
Wir zünden für die Toten Teelichter an und bleiben viele Minuten vor dem Grab stehen, ehe wir zu Fuß zur Stele und zum Gedenkraum laufen.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

 


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