15.09.2016, Donnerstag – Hinreise und Ankunft (Le Vernet 1)

Die Fahrzeuge düsen auf den Betonspuren der Autobahn irgendwelchen Zielen entgegen. Wir wollen nach Südfrankreich, um dort zehn Tage in Le Vernet und zehn Tage in Prads (vollständige Bezeichnung: Prads-Haute-Bléone) zu verbringen. Können wir so etwas Urlaub nennen? Wird es uns bekommen, wenn wir für längere Zeit in der Region der Absturzstelle wohnen? Ich habe kaum Bedenken. Der letzte dreitägige Aufenthalt in dem Bergdorf endete mit einem betrübten merkwürdigen Abschied von Jens.
Wir haben eine Ferienwohnung in Le Vernet gebucht sowie ein Chalet auf dem Campingplatz »Mandala« in Prads. Da die Vermieter in Le Vernet keine E-Mail-Adresse angegeben haben, musste ich telefonieren, um ihnen die ungefähre Ankunftszeit zu verkünden, was ich mit klopfendem Herzen tat. Die Dame am Telefon beherrschte weder Englisch noch Deutsch. Trotzdem konnte ich das Wesentliche übersetzen, da sie deutlich und nicht in dem im Ort üblichen Dialekt sprach. Sie wiederholte die Uhrzeit exakt, sodass ich beruhigt war, weil sie mein bescheidenes Französisch verstanden hatte.
Gestern sind wir beizeiten von zu Hause losgefahren und haben in der Nähe von Freiburg übernachtet. Wir schliefen in einem Zimmer mit Blick auf den Biergarten, der Hofhund bellte und die Heizung klopfte, obwohl sie abgestellt war. Entsprechend verbrachte ich die Nacht.
Wir durchqueren Basel und fahren durch die Schweiz, deren Berge im nebligen Dunst kaum zu sehen sind. Wider Erwarten kontrolliert uns niemand, als wir ihre südliche Grenze zu Frankreich passieren.
Auch dort finden wir uns durch das Navi problemlos zurecht, vor allen Dingen in der Stadt Gap, die durch das Nichtvorhandensein von Wegweisern auffällt.
Auf der Autobahn kommen wir gut voran, wenn man bedenkt, dass die gesetzliche Maximalgeschwindigkeit 130 km/h beträgt. Im Gegensatz zu den Landstraßen. Sie winden sich teilweise in Haarnadelkurven bergauf und wieder hinunter. Bezaubernde Landschaften erstrecken sich längs des Wegs. Kurz vor dem Ziel fahren wir in der Höhe am Serre-Ponçon-Stausee vorbei. Wir stoppen das Fahrzeug, um die atemberaubende Aussicht auf das Gewässer zu genießen.
Müde und erschöpft kommen wir in Le Vernet an. Françoise, die Vermieterin erwartet uns bereits. Sie erklärt uns die Wohnung, zeigt, was sich in den Schränken befindet. Ich verstehe sie ganz gut. Wir haben keine Handtücher eingepackt, und so frage ich, ob sie uns welche geben kann. Dabei verwechsle ich serviettes mit assiettes und somit das Vokabular für Handtuch und Teller, die sie mir soeben im Schiebeschrank gezeigt hat. Sie zieht die Tür nochmals zurück, damit ich erneut sehe, dass genügend Geschirr vorhanden ist. Sie ist nett. Ich versuche, in ihrer Heimatsprache zu umschreiben, was ich wünsche, bis sie versteht, loslacht und mir das richtige Wort nennt. Sie fragt, was wir hier alles unternehmen wollen. Sie zeigt die auf dem Tisch liegenden Prospekte mit diesbezüglichen Vorschlägen, die wir kaum beachten. Wir haben keine Pläne. Uns ist wichtig, auf den Friedhof zu gehen, die Stele aufzusuchen, im Gedenkraum zu sitzen und, was für uns die Hauptsache ist, den Ort des Absturzes zu erklettern. Zunächst druckse ich herum, bis ich ihr schließlich erkläre, dass wir Angehörige sind und oben in den Bergen unseren Jens verloren haben. Lachen und Weinen liegen eng beieinander.
Ich bringe sie für einen Moment aus der Fassung. Sie drückt uns ihr Beileid aus, berührt meinen Arm und erklärt, das sie mit uns fühlt. Ihr Mann sowie die Einwohner seien von dem schrecklichen Ereignis zutiefst betroffen.
Nachdem wir den Inhalt der Koffer in die geräumigen Schränke verstaut haben, klopft es an der Tür. Manfred und Heide, die seit einigen Tagen auf dem Campingplatz »Lou Passavou« wohnen, stehen vor der Tür. Ihr Sohn saß mit ihrer Schwiegertochter in der Absturzmaschine.
Ursprünglich wollten wir sie im Wohnmobil besuchen, doch sie vermuten, dass dies zu kalt werden könnte. Wir freuen uns über das Beisammensein, sitzen an dem rustikalen Holztisch in der Mitte der Wohnküche und unterhalten uns angeregt.
Der Rotwein schmeckt.
Jens schaut uns lächelnd aus dem Foto heraus, das neben dem Kamin auf einem Regal steht, zu.
© Brigitte Voß


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