♦ FÜNFUNDSIEBZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Wir haben beschlossen, öfter in fremde Gegenden zu reisen, auch wenn es nur für kurze Zeit ist. Da wir nicht mehr zur berufstätigen Bevölkerung gehören, sind wir in der glücklichen Lage, dies jederzeit umzusetzen. Vielleicht lässt eine andere Umgebung mit unbekannten Menschen die Traurigkeit leichter ertragen, wenngleich die Gedankenwelt mit ihren trübsinnigen Erinnerungen ein ständiger Begleiter bleiben wird. Wir können sie nicht abschütteln, sie gehört zu uns wie die körperliche Hülle, die uns umgibt. Man mag derartige Touren als Flucht bezeichnen, da man sich Problemen stellen sollte, um sie zu zerschlagen – so nach dem Motto: »Macht kaputt, was euch kaputt macht«. Ich glaube, der Spruch wurde während der Studentendemos der 1960er Jahre verwendet, in denen die Jugend mehr oder weniger gewaltreich gegen das verstaubte Bürgertum demonstrierte und leider auch die RAF auf den Plan rief. Später wurde der Slogan von Rio Reiser besungen. Ich muss zugeben, dass diese Parole etwas Faszinierendes ausstrahlt, da die Praxis zeigt, dass erst eine gewisse Gewaltanwendung aufhorchen lässt (Castortransporte, Kundgebungen der französischen Bauern, die beispielsweise mit Gülle und Mist bedeutende Verkehrswege blockierten). Ich möchte allerdings betonen, dass ich jegliche Brutalitäten gegenüber Tieren und Menschen verabscheue.
Leider sind uns die Hände gebunden, um das grausame Problem aus der Welt zu schaffen, damit wir das glückliche Dasein von damals mit einem lebenden Sohn fortführen können. Weder mithilfe des Verstandes noch durch eine gewisse Gewaltbereitschaft gelingt uns das. Jens ist tot. Und dieser Fakt bleibt bestehen, egal, ob wir bis zur Selbstzerfleischung darüber nachdenken oder irgendetwas gewaltsam zerstören. Der Tod unserer Lieben ist unumkehrbar. Handelte es sich um ein Sterben hervorgerufen durch Alter, Krankheit, Naturkatastrophen, Unfall, vielleicht auch durch menschliches Versagen, könnten wir die Situation besser ertragen. Doch es war ein brutaler, heimtückischer Mord, der seine Opfer zerfetzte. Ein ewiger Albtraum, den wir derzeit versuchen, auf der Nordseeinsel Juist durch Ablenkungen zu bändigen.
Auf den Reisen ist Jens in Form eines Fotos unser ständiger Begleiter. Wir stellen es an exponierten Plätzen der jeweiligen Ferienunterkunft auf und zünden täglich für ihn die Kerze an.
Wir speisen in der Außenanlage eines Inselrestaurants. Interessiert nehme ich die Aussicht auf das Watt wahr. Die Ebbe hat dessen Meeresboden freigelegt. Er flimmert in der Mittagssonne und versprüht dabei Tausende von Sternchen.
Der Kellner, ein Italiener, unterhält sich mit dröhnender, akzentbeladener Stimme mit einem jungen Vater am Nachbartisch. Ich schnappe seine Worte auf: »Man muss das Leben genießen.«
Der so dahingeworfene Satz setzt eine Maschinerie in meinem Kopf frei. Dieses MUSS klingt nach Zwang. Ist die Menschheit gezwungen innerhalb der Widrigkeiten, die sie umgeben, zu genießen, damit sie überleben kann? Oder meint er es in dem Sinne, dass das Leben derart wunderbar ist, dass man nicht umhinkann, Vergnügen daran zu haben?
KÖNNEN wir Hinterbliebenen dem Dasein noch Freuden abgewinnen?
Wir MÜSSEN! Wer sich für ein Weiterleben entschieden hat, kommt nicht umhin, die schönen Momente des Alltags zu erkennen, um sich vielleicht ein bisschen zu freuen, denn sonst würde er wie ein Untoter zwischen den Welten wandeln und fern jeglicher Empfindungen gleich einem Roboter funktionieren.
Das Wahrnehmen dieser Augenblicke hilft uns, gefestigter durch das Leben zu gehen.
Da uns ein Schicksalsschlag ereilt hat, fällt das schwer. Wer von einer intakten Familie und guten Freunden umgeben ist, hat es dabei leichter. Der Kontakt mit Gleichgesinnten, zu anderen Opfer-Angehörigen, unterstützt ebenfalls. Wir tauschen uns aus, hören zu und werden getragen von der Gemeinsamkeit, die das Schreckliche verursachte. Die Notfallseelsorge in Düsseldorf hat uns zusammengebracht. Ihre Mitarbeiter waren die Ersten, die sich nach der Katastrophe um uns kümmerten, die die Verantwortung auf sich nahmen, in einer Situation, in der in den Köpfen ein orientierungsloses Chaos herrschte. Bereits dafür gebührt ihnen Dank.
Anfangs trugen die schönen Dinge des Lebens für mich einen blickdichten dunklen Schleier, der allmählich transparenter wird. Manchmal sind sie fordernd und unerbittlich wie unsere kleinen Enkel oder sie buhlen dezent um Aufmerksamkeit wie die Natur. Und davon hat das Meer viel zu bieten: Ich mag den Sand, der die nackten Fußsohlen bei den Strandwanderungen massiert. Mir gefällt, wenn das kalte Wasser an meinem Körper entlanggleitet, schwimme ich hindurch. Es macht Spaß zu sehen, wie kräuselnde Wellen mit den aufprasselnden Sonnenstrahlen spielen und auf der Wasseroberfläche winzige Lichtexplosionen hervorrufen, sodass man die Augen zusammenkneift. Peitscht der Sturm den Regen ins Gesicht, ist es, als wolle er die Traurigkeit herausschütteln und mit der Nässe hinwegspülen.
Man muss nicht immer von Menschen umgeben sein, um Augenblicke der Schönheit zu finden, wenngleich auf die Dauer Einsamkeit quält.
Wir stehen am Strand, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Keinerlei Wolkenschleier behindern die Sicht.
Unerwartet spricht mich eine Frau an: »Sie sind süchtig nach Sonnenuntergängen. Ich sehe es Ihnen an.«
Ich nicke. »Stimmt.«
Sie zückt den Fotoapparat und knipst mit verklärtem Lächeln das Farbenspiel am Himmel und erklärt: »Ich bin auch so eine Sonnenanbeterin.«
Mein Mann stapft wadentief durch das Wasser, wechselt ständig das Objektiv und versucht, die schönsten Momente des sinkenden Feuerballs in Bits und Bytes zu bannen.
Mit Erstaunen registriere ich, dass die Wellen, die seine Beine umspülen, blutrot aufflammen, versprühen sie ihre Gischt. Überhaupt, das gesamte Meer trägt ein purpurrotes Kleid. Sollte etwa Jens …?
Meine Gesprächspartnerin erzählt vom nächtlichen Meeresleuchten, das sie gestern zufällig beobachten durfte. Es würde von einer Algenart hervorgerufen, die in der Dunkelheit fluoresziert. Durchpflügen die Wellen das Nass, leuchte es neongrün auf. Sie habe ihre Hände in das Meer getaucht und konnte selbst das Phänomen hervorrufen.
Interessiert lausche ich ihren Worten.
Ich stelle mir vor, mich bei Mondschein in die neongrünen Fluten der Nordsee zu stürzen, um hindurchzuschwimmen, wie dabei ein fluoreszierendes grünes Band meinen Körper umschmeichelt und im Rhythmus der Schwimmbewegungen aufglimmt.
Einmal im Leben möchte ich das Meeresleuchten mit eigenen Augen beobachten …
© Brigitte Voß
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